Lutherische Identität und die Vielfalt des Protestantismus
Erschienen in „zeitzeichen“ 11/2017
Neuerdings werde ich vermehrt zu Vorträgen zum Thema „Identität“ eingeladen. Manchmal geht es spezifisch um lutherische Identität in Abgrenzung zu anderen Formen evangelischen Christseins. Manchmal geht es um evangelische oder auch schlicht um christliche Identität. Bis vor Kurzem konnten wir Christen uns in der Mitte unserer europäischen Gesellschaften wähnen. Weitgehend fraglos konnten wir davon ausgehen, diese Gesellschaften, die historisch untrennbar mit dem christlichen Glauben und seinen Werten verwachsen sind, auch in Zukunft mit zu prägen. Nun erleben wir Infragestellungen von verschiedenen Seiten: Aus dem konfessionslosen Raum werden wir gefragt, was Religionen im öffentlichen Raum zu suchen haben und ob sie einem friedlichen, toleranten Zusammenleben in unserer Gesellschaft nicht im Wege stünden. Von anderen Religionen werden wir nach dem Wahrheitsgehalt unseres Glaubens gefragt. Aus fundamentalistischen Kreisen schließlich hören wir evangelische Christen in den Landeskirchen gelegentlich, wir seien zu lau und unprofiliert.
In dieser Zeit das 500. Reformationsjubiläum zu feiern, bietet die Chance, sich eingehend und öffentlich diesen Fragen zu stellen: Wer wir evangelischen Christen in dieser Zeit und in dieser Gesellschaft sind, was uns im Leben und im Sterben trägt und welchen Beitrag wir zur Gestaltung der Gesellschaft leisten. Das Ende des Reformationsjubiläums 2017 ist ein guter Zeitpunkt, diese Fragen aufzugreifen und erste Antworten vorsichtig zu skizzieren.
Identitäten werden oft für gegeben und unveränderlich gehalten. Man müsse sie nur klären, beschreiben und bewahren. Doch Identitäten sind Konstrukte, die durch Bezugnahmen auf Themen und Traditionen gebildet werden. Gemeinsame Identitäten entstehen durch Aushandlung und Entscheidung. Das ist fortlaufende Aufgabe auch der evangelischen Kirchen. Und was als Ausgangspunkt einer Identitätsfindung für die Zukunft – und damit als „heimatlich“ – erscheint, ist doch selbst schon das Ergebnis früherer Aushandlungen und Entscheidungen. „Entscheidung“ meint in diesem Zusammenhang natürlich eine Fülle von Entscheidungen für die Vielfalt der Gestalten des Protestantismus. Als geistlicher Weg geschieht Aushandeln und Entscheiden unter Gebet und mit theologischer Reflexion im Wissen, dass alle menschliche Aktivität eingebettet ist in das Handeln Gottes. In diesem Kontext ist unsere Aufgabe darin zu sehen, uns in Kontinuität und in Diskontinuität zu Themen und Traditionen zu setzen.
Mit der Konstruktion ist notwendig auch die Dekonstruktion verbunden. So werden in der Gegenwart manche Lutherbilder, wie das des religiösen Genies oder des Nationalhelden dekonstruiert. Darüber besteht weitgehende Einigkeit. Wenn die Dekonstruktion nicht in der Leere enden soll, muss ihr die Konstruktion anderer Bilder folgen. Das geschieht auch, aber die Einigkeit ist in dieser Hinsicht nicht so groß. Die Weltausstellung „Tore der Freiheit“ in Wittenberg hat, wie schon der Name sagt, das Thema „Freiheit“ in den Mittelpunkt reformatorischer Identität gestellt. Das ist von manchen Historikern angefochten worden, weil es Luther ganz um religiöse, aber noch nicht um ethische, rechtliche oder politische Freiheit ging. Ist es also legitim, sich für diese Identitätsbildung auf Luther zu berufen, sie als „reformatorisch“ zu bezeichnen? Die Diskussionen hierüber sind notwendig, aber sie wurden zum Teil auf einer Ebene geführt, auf der sie nicht entschieden werden können. Denn die Feststellung dessen, was historisch gewesen ist, ist das eine. Die Schlussfolgerung, was das für unsere Identität heute bedeutet, ist etwas Anderes. Das eine ergibt sich nicht aus dem anderen. Nach Lessing können „zufällige Geschichtswahrheiten [...] der Beweis von notwendigen Vernunftwahrheiten“ „nie werden“. Hinter diese methodologische Einsicht gibt es kein Zurück. Auf unser Thema bezogen: Aus den Kontingenzen der Geschichte können unmittelbar keine Begründungen für die Konstruktion einer christlichen oder lutherischen Identität abgeleitet werden.
Die historische Forschung und die große Palette reformatorischer Traditionen, die im Rahmen der Weltausstellung präsentiert worden ist, zeigen, was andere unter lutherischer oder reformatorischer Identität verstanden haben. Ihre Auswahl sagt auch etwas über uns aus. Aber zu welchen dieser Materialien wir uns bewusst und begründet in Kontinuität und zu welchen wir uns in Diskontinuität setzen, das muss unter uns heute ausgehandelt und entschieden werden.
Damit ist die Aufgabe am Ende des Jubiläumsjahres markiert. Das Jubiläum selber konnte nur das international zusammengetragene Material, es konnte historische Kenntnisse und Tiefenschärfe liefern. Die Aufgabe, diese Fülle von Themen und Traditionen zu nutzen, um unsere Identität im Diskurs auszuhandeln und zu gestalten, liegt jetzt vor uns. Dieser Diskurs ist auf allen kirchlichen Ebenen zu führen, auch im Dialog mit der Wissenschaft und den Fakultäten. An der Lehrentwicklung haben im Protestantismus alle Getauften Anteil, aber der Dialog mit den theologischen Fakultäten spielt darin wegen ihrer Fachkompetenz traditionell eine besondere Rolle. Dieser Dialog verdient es, gestärkt zu werden.
Die Vielfalt im Protestantismus entsteht durch die vielfältig möglichen Bezugnahmen auf Themen und Traditionen des Glaubens. Eine große Rolle spielen im deutschen Protestantismus Bezugnahmen auf das 19. Jahrhundert. Dieses Jahrhundert, in dem das Bürgertum entstand, die ersten Parlamente und Synoden gebildet, die Personenstandsgesetze und die Sozialversicherung eingeführt wurden und in dem der Protestantismus in sehr unterschiedlichen Weisen versucht hat, mit den Herausforderungen der Moderne umzugehen, ist nach wie vor in hohem Maße prägend für die Gegenwart. Die Diversität des gegenwärtigen Protestantismus erklärt sich unter anderem aus der Vielfalt der Traditionslinien ins 19. Jahrhundert. Sie spiegeln sich in Deutschland in den Prägungen der Landeskirchen und ihrer Zusammenschlüsse als EKD, UEK und VELKD. Die VELKD und ihre Gliedkirchen stehen nicht nur, aber auch in der Tradition des im 19. Jahrhundert entstandenen Konfessionalismus. Zu ihrer Identität gehören bestimmte Bezugnahmen auf liturgische, ämtertheoretische und moralethische Traditionen dieses Konfessionalismus. Andere Landeskirchen haben stärker die Traditionen des Pietismus, der Aufklärung, des Unionismus und der Vermittlungstheologie aufgenommen. Reformatorisch sind sie alle und in weiten Teilen – über die Kirchen der VELKD hinaus – lutherisch. Sie repräsentieren aber unterschiedliche, im 18. und besonders im 19. Jahrhundert entstandene Traditionslinien desselben Ausgangspunktes.
Vor diesem Hintergrund versuche ich, einige identitätsbildende Bezugnahmen zu entwickeln und in den Diskurs einzubringen:
Die erste identitätsbildende Bezugnahme auf die reformatorische Theologie besteht für mich darin, sie als existenzielle Frömmigkeitsbewegung zu sehen. Otto Hermann Pesch hat in seinem Opus über die „Theologie der Rechtfertigung bei Martin Luther und Thomas von Aquin“1 herausgearbeitet, dass Thomas eine „sapientiale“ Theologie betrieben hat, Luther dagegen eine „existentiale“ Theologie. Einmal also ein philosophisch-distanzierter Blick auf den Glauben, gewissermaßen aus einer Vogelperspektive, einmal Theologie als Gespräch mit Gott, gewissermaßen aus die knienden Haltung des Beters. Pesch erklärt damit Unterschiede der beiden Theologien und benutzt dies als hermeneutischen Schlüssel, hinter vermeintlichen Differenzen auf Ebene der Begriffe Gemeinsamkeiten in der Sache auszumachen. Genau dies zeichnet die reformatorische Tradition bis heute aus: Eine Frömmigkeitsbewegung zu sein. Reformatorische Theologie hat in ihrer Grundform die Gestalt eines Gespräches mit Gott und eines Nachdenkens über den Menschen und die Welt vor Gott. Alles was wir tun und sagen, tun und sagen wir als Geschöpfe Gottes im Bewusstsein seiner Gegenwart. Dies ist der Blick auf uns selber, aus dieser Haltung ergibt sich unsere Haltung zu den anderen Geschöpfen Gottes. In dieser Haltung feiern wir Gottesdienst und begegnen wir unserem Nächsten.
Eine zweite identitätsbildende Bezugnahme besteht für mich in der Tatsache, dass die nachreformatorischen Lernprozesse des Protestantismus immer zu seiner Identität dazugehört haben. Insbesondere die Unterscheidung von Alt- und Neuprotestantismus hat darauf insistiert, dass der Pietismus und vor allem die Aufklärungstheologie eine Zäsur in der Geschichte des Protestantismus dargestellt haben, deren Umformungsbestrebungen ebenso bedeutsam waren wie die Reformation des 16. Jahrhunderts. Die Aufklärungstheologen des 17. und 18. Jahrhunderts haben mit ihren Neuinterpretationen theologischer Lehrstücke wie der Anthropologie und des Freiheitsgedankens entscheidenden Anteil daran, die reformatorischen Kirchen in die Moderne geführt zu haben. Dies ist kein zufälliges Detail, sondern identitätsstiftend. Daraus resultiert, dass der Protestantismus eine Gestalt des Christentums geworden ist, die die Erkenntnisse der europäischen Aufklärung in sich aufgenommen, Glaube und Vernunft, persönliche Überzeugung und Toleranz miteinander versöhnt hat. Er hat gerade dadurch die Botschaft des Evangeliums von der Liebe und Barmherzigkeit Gottes neu zum Leuchten gebracht. Wenn ich mich umsehe, dann scheint es weltweit keine Religion oder christliche Konfession zu geben, denen die Integration der Erkenntnisse der Aufklärung in ihren Glauben in dieser Weise gelungen ist oder die dies versucht haben. Mit dieser theologischen Traditionslinie hat der Protestantismus vor dem Hintergrund um sich greifender Vernunftverdrossenheit und erstarkenden Fundamentalismus eine unverzichtbare Stimme in den religiösen Diskurs einzubringen.
Eine dritte identitätsbildende Bezugnahme besteht für mich darin, dass der Glaube für die Reformatoren Teil der Weltgestaltung war. Man kann auch sagen, ihr Glaube war politisch. Und ohne politisch zu sein – also ohne Auswirkungen auf das Leben der Menschen zu haben – wäre er nicht ihr Glaube gewesen. Die Reformatoren haben dies unter den Bedingungen des mittelalterlichen „corpus christianum“ gelebt, also als Teil einer untrennbaren Einheit von Kirche und Staat. Heute ist es unsere Aufgabe, die Stimme des Evangeliums in einer säkularen Gesellschaft hörbar zu machen. Dazu haben wir in Deutschland – im internationalen Vergleich – beste Voraussetzungen!
Über diese und andere Bezugnahmen ist zu sprechen. Luthers Grundfrage lautete bekanntlich: „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“ Wie ist es möglich, diese Frage für die Gegenwart so zu übersetzen, dass sie die Grundfragen der Menschen heute aufnimmt und damit auch die befreiende Kraft der evangelischen Botschaft deutlich wird?
In Zeiten, die von vielen als verunsichernd empfunden werden, könnte die Rede von der „Rechtfertigung der Ängstlichen“ eine angemessene Übersetzung der reformatorischen Botschaft die Gegenwart sein. Die aufgeklärte Moderne ist ein anspruchsvolles Projekt, das sich nicht von selbst versteht und das nur eine Zukunft haben wird, wenn wir uns dafür stark machen. Denn es erfordert ein hohes Maß an Fähigkeit zur Selbstintegration, mit der Einsicht umzugehen, dass trotz der Absolutheit dessen, woran wir glauben, wir als Menschen Erkenntnisse des Glaubens doch immer nur in zeitbedingter Gestalt und damit als vorletzte Wahrheit haben können. Ebenso anspruchsvoll sind die Folgerungen für die Weltgestaltung, die in Richtung einer offenen Gesellschaft, durchlässiger Grenzen und der Integration von Fremden zielen. Es hilft aber nichts, sondern führt eher zu schädlicher Ausgrenzung, über die angesichts dieser Herausforderungen auftretenden Ängste vom Plateau eines normativ gesetzten Toleranzdiskurses zu sprechen. Vielmehr ist zu sehen, dass die erforderliche Selbstintegration lebenslange und nie vollendete Aufgabe aller Menschen ist. In diesem Sinne könnte man hier von der „Rechtfertigung der Ängstlichen“ als reformatorischer Botschaft sprechen. Nach meiner Einschätzung eine der wichtigsten Botschaften in diesen verunsichernden Zeiten. Vorausgesetzt, wir sagen analog zu Paulus: ... denn wir sind alle ängstlich. Die Botschaft von Kreuz und Auferstehung Jesu kann genau in dieser Verunsicherung Halt geben. Sie zeigt, dass es möglich ist, mit Unsicherheiten und Verunsicherungen zu leben, und dabei menschlich zu bleiben.
Das Reformationsjubiläum 2017 ist beendet. Der Diskurs über unsere Identität geht weiter.