Pandemisches Zeitalter
Unveröffentlicht
Miszelle zur theologischen Ethik in einem pandemischen Zeitalter
1. Mit Luhmann/Baecker angenommen, man unterteilte die Epochen der Menschheitsgeschichte nach den jeweils neu aufkommenden technischen Verbreitungsmedien der Kommunikation: Sprache in der Stammesgesellschaft, Schrift in der Ständegesellschaft, Buchdruck in der Gesellschaft der Aufklärung und Computer in der digitalen Gesellschaft – und angenommen, man unterstellte, dass das jeweils neu aufkommende Verbreitungsmedium einen „Überschusssinn“ in die Gesellschaft bringt, der – weil neu – zunächst eine Katastrophe ist und zu dessen Bewältigung neue Kulturformen entwickelt werden müssen, dann gilt:
Der „Überschusssinn“ des Computers besteht in der Möglichkeit, dass er sich ‚auf sein eigenes, von außen nicht einsehbares Gedächtnis beruft, während er sich an einer Kommunikation beteiligt, die es bis dato nur und ebenso gedächtnisgestützt mit den Bewusstseinssystemen von Menschen zu tun hatte‘ (Baecker). Dabei besteht der Unterschied dieses Gedächtnisses zu dem mit dem Buchdruck gegebenen darin, dass es sich nun selber an der Kommunikation beteiligt, mithin interaktiv ist. Mit seinem Gedächtnis produziert der Computer einen Kontrollüberschuss. Dies ist – wenn man in der von Luhmann angeregten Sprache bleiben will – die „Katastrophe“, die mit der Digitalisierung in die Welt gekommen ist, und auf die – als Antwort – eine neue Kulturform entwickelt werden muss. Das Thema der digitalisierten Welt ist Kontrolle, und zwar von zwei Seiten: Dem Kontrollüberschuss korrespondiert auf der anderen Seite ein Kontrollverlust.“
2. Das Thema Kontrollüberschuss/ Kontrollverlust adressiere ich als Metathema des pandemischen Zeitalters. Dabei ist unerheblich, ob alle einzelnen Aspekte – Verlust der (als sicher geglaubten) Kontrolle über Infektionskrankheiten und potentiell der Natur als Ganzer, Verlust der Kontrolle über staatliche Grenzen angesichts von Flüchtlingsströmen, Verlust der Kontrolle über die innere Sicherheit angesichts von globalem Terrorismus – mit dem Querschnittsthema Digitalisierung in irgendeiner Weise zu tun haben, oder ob man besser von sich koevolutionär entwickelnden Themen sprechen sollte. Im Ergebnis ist feststellen: Es geht darum, rechtlich, politisch, medizinisch, ethisch, theologisch nach „Kulturformen“ (im Sinne Dirk Baeckers) zu suchen, die auf diese Herausforderung antworten.
3. Konkret stellen sich im pandemischen Zeitalter Fragen wie: Mit welchen kontaktbeschränkenden Maßnahmen können wir auf Dauer leben? Wie viele Tote akzeptieren wir auf Dauer unter welchen Voraussetzungen? Welche Rolle spielt die (teilweise) Beherrschbarkeit der Pandemie für die Bereitschaft, Tote zu akzeptieren? Wie sind Selbstbestimmung und Lebensschutz in ein Verhältnis zueinander zu setzen? Wie sind diese Fragen im Sinne des Rawlsschen „Überlegungsgleichgewichts“ mit Grundrechten, Freiheitsrechten usw. in eine Balance zu bringen? Der Deutsche Ethikrat und Wolfgang Schäuble haben hierzu erste Vorlagen geliefert.
4. In ihrer Demokratiedenkschrift bekennt die EKD 1985: „Die Lebendigkeit der Demokratie beruht auf der offenen Diskussion und Auseinandersetzung über strittige Fragen. Sie bedarf aber auch eines tragenden Grundkonsens. Zu beidem haben Christen und Kirchen einen Beitrag zu leisten.“ Die Selbstverpflichtung auf den Beitrag zu einem werteorientierten Grundkonsens steht wie nichts anderes für das Selbstverständnis des Protestantismus in der Bonner Republik. Nur mühsam trennt sich die EKD von diesem Leitparadigma, z.B. in der Veröffentlichung der Kammer für öffentliche Verantwortung „Konsens und Konflikt“ (2017). Bisher haben die kirchlichen Äußerungen zur Pandemie und den Kontaktbeschränkungen genau nach dem alten Muster funktioniert, den Staat bei der Formulierung und der gesellschaftlichen Akzeptanz eines Grundkonsens zu unterstützen. Die EKD hat wenig Übung darin, in konflikthaften, polarisierenden Situationen zu moderieren. Sie müsste stärker selbst zu einem „Ort demokratischer Beteiligung“ werden und ihre moralisch begründeten Haltungen in einen auf dem Recht basierenden Diskurs einbringen.
5. Eine menschlich verständliche Grundannahme lautet, dass das Evangelium durch alle sich verändernden Zeiten im Kern gleich bleibt. Doch das stimmt nicht. In der Schriftgesellschaft mit ihren die Schrift verwaltenden Institutionen gehörte der Gehorsam zum Kern des Evangeliums. In der Buchdruckgesellschaft mit ihren kritischen Diskursen und den sich diversifizierenden Organisationen gehörten Selbstbestimmung, Freiheit und Toleranz zum Kern des Evangeliums. Wir haben uns in den letzten Jahren angewöhnt, die Verbindung von Demokratie, Rechtsstaat, Freiheit und Toleranz als die angemessenste gesellschaftliche Umsetzung dessen anzusehen, was Jesus mit seinem Evangelium gemeint hat. Geradezu hegelianisch haben wir geglaubt, dies sei das Zusichselbstkommen des Evangeliums, nach dem nichts anderes mehr kommen kann. Doch im Zeitalter des Computers und der Pandemien werden Demokratie, Rechtsstaat, Freiheit und Toleranz sich verändern. Die Zweiseitendifferenz von Kontrollüberschuss und Kontrollverlust wird das Thema der Sicherheit zum Argument zu einem Bezugspunkt machen, an dem sich das Freiheitsverständnis orientieren wird. Wird im pandemischen Zeitalter ein Paradigmenwechsel zur „Sicherheit“ als zentralem Bezugspunkt gesellschaftlicher Prozesse geschen und wird koevolutionär die Präferenz von Sicherheitsfragen als die evangeliumsgemäße Form gesellschaftlicher Regularien gesehen werden? Oder gibt es Alternativen dazu?
6. Die verschiedenen Epochen, die Luhmann/ Baecker beschreiben, lösen einander nicht ab, sondern überlagern einander wie Sedimentschichten. Das heißt: Werte bleiben erhalten und werden auch unter den neuen Bedingungen zur Geltung gebracht. Z.B. zählt der Händedruck aus der Stammesgesellschaft auch in der Schrift-, der Buchdruck- und der Computergesellschaft als vertrauenschaffendes Zeichen zum Abschluss einer Vereinbarung. So werden auch Demokratie, Rechtsstaat, Freiheit und Toleranz weiter zu behaupten und in die neuen Verhältnisse einzuspielen sein. Aber gleichzeitig wird die Aufgabe der Kirche darin bestehen, ihr Verständnis des Evangeliums auf die neuen Paradigmen von Sicherheit, Kontrollverlust und Kontrollüberschuss zu beziehen. Damit haben wir faktisch – aber unreflektiert – begonnen, indem wir die Einschränkung von Freiheitsrechten zum Schutz vulnerabler Gruppen bzw. zur Verhinderung der Überforderung des Gesundheitssystems für eine dem Evangelium gemäße Haltung erklärt haben. Dies nicht unreflektiert zu lassen und kreativ weiterzudenken, ist die Aufgabe.
November 2020