Kirche - eine fragwürdige Heimat

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Vielleicht gehört die Spannung, sich fremd zu fühlen, nach Heimat zu suchen und trotz der Sehnsucht, dort anzukommen, doch immer nur auf dem Weg dahin zu bleiben, zum Leben dazu. Jedenfalls zeigt ein Blick in das Alte und das Neue Testament, dass Menschen seit Alters diese Spannung erlebt haben. Ein zweiter Blick zeigt: Diese Spannung scheint produktiv zu sein. Sie begegnet uns als Ressource von Dynamiken der Entwicklung menschlichen Lebens.

Abraham bricht aus Ur in Chaldäa auf, um das Land zu suchen, das Gott ihm zeigen will. Die Suche nach einer neuen Heimat steht am Anfang der biblischen Geschichten. (1. Mose 12, 1-9) Überall, wo Gott Abraham auf dem Weg erscheint, baut Abraham einen Altar. Diese Orte der Gottesverehrung lassen sich als Landkarte der Pilgerschaft lesen. Sie signalisieren: Es braucht Orte, an denen das Leben sich festmachen kann, zu denen man zurückkehren kann, um seiner Wurzeln zu gedenken und die Erfahrungen mit Gott zu erneuern. Das Leben kann aber an keinem dieser Orte sich vollkommen niederlassen.

Diese Spannung begegnet später erneut, als David die Bundeslade, die bis dahin als beweglicher Kultgegenstand in einem Zelt auf der Wanderschaft mitgeführt wurden, nach Jerusalem bringen lässt. (2. Sam 6). Als Salomo eine Generation später einen Tempel bauen und die Lade hineinstellen lässt, bedarf es umfangreicher theologischer Reflexionen über das Wohnen Gottes an einem festen Ort, um diese Veränderung zu rechtfertigen (1. Kön 8).

Nach der Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier und der Deportation von Teilen der Bevölkerung nach Babylon setzt eine Reflexion darüber ein, wie Gott mitwandern kann in die Fremde. Es ist der Prophet Ezechiel, der in einer Vision sieht, wie die „Herrlichkeit des Herrn“ sich von Jerusalem erhebt und nach Babylon zieht. Die Katastrophe der Gefangenschaft in Babylon hat sozusagen religionsgeschichtlich die notwendige Einsicht zurückgeholt, dass Gott niemals nur an einem festen Ort wohnen kann und dass der Mensch auf seiner Wanderschaft über die Welt auch in der Fremde die Beheimatung in Gott mit sich nimmt.

Als Petrus, Jakobus und Johannes mit Jesus auf einem Berg zum Beten niederknien und Jesus vor ihren Augen in tiefster Versenkung seine Ausstrahlung verändert und zu leuchten beginnt, sagt Petrus: „Hier ist gut sein! Willst du, so will ich hier drei Hütten bauen.“ (Mt 17, 1-13) Doch dieser Wunsch kann Petrus nicht gewährt werden. Das Leben würde sich festfahren. Die Erfahrung kann mitgenommen werden, aber den Berg der Verklärung, den wir – wenn es uns geschenkt wird – einige Male im Leben betreten, müssen wir wieder verlassen und in die Ebene hinabsteigen. Die „Niederungen“ des alltäglichen Lebens lassen sich durch nichts in der Welt beseitigen, sie gehören zum Menschsein dazu.

Schließlich heißt es im Hebräerbrief: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ (Hebr 13, 14) Das Leben bleibt eine Pilgerschaft, auf der nur vorläufige Beheimatungen möglich sind. Wir gehen auf eine Heimat jenseits dieser Welt zu, in der alle Tränen abgewischt und der Tod und Leid, Geschrei und Schmerz nicht mehr sein werden. (Offb 21, 4).

Unsere Kirchengebäude sind steinerne Zeugen der Spannung aus Beheimatung und Vorläufigkeit. Vielleicht hat der gotische Baustil mit der Dunkelheit am Boden und der lichten Öffnung zum Himmel hin dieser Spannung am deutlichsten Ausdruck gegeben. Das steinerne Gebäude transzendiert sich gewissermaßen selbst.

Berühmt ist Luthers Predigt anlässlich der Einweihung der Schlosskirche in Torgau am 5. Oktober 1544: „...auf dass dieses neue Haus dahin gerichtet werde, dass nichts anderes darin geschehe, als dass unser lieber Herr selbst mit uns rede durch sein heiliges Wort und wir umgekehrt mit ihm reden durch unser Gebet und Lobgesang (WA 49, 588, 15-18) ....Kann es nicht unter einem Dach oder in einer Kirche geschehen, so geschehe es auf einem freien Platz unter dem Himmel, oder wo Raum dazu ist, aber doch so, dass es eine ordentliche, allgemeine, öffentliche Versammlung sei.“ (WA 49, 592, 19-21)

Ob Luther festen Kirchengebäuden tatsächlich so gleichgültig gegenüberstand, dass man aus dieser einen Predigt eine ganze lutherische Kirchentheorie aufbauen kann, mag dahingestellt bleiben. Auf jeden Fall erlebt auch die lutherische Kirche, wie sehr die Menschen an ihren Kirchgebäuden hängen. Die Aufgabe einer Kirche, ihre Entwidmung und womöglich ihr Abriss sind hoch emotionsbesetzte Vorgänge, die zu Protesten und zu tiefgreifenden Konflikten führen. Für wen eine bestimmte Kirche über Taufe, Trauung, Konfirmation und viele Weihnachten und Ostern zu einer Heimat geworden ist, tut sich oftmals schwer mit Luthers nüchterner Betrachtung. Zwar würde kaum ein lutherischer oder sonst aus reformatorischer Tradition stammender Christ von der Kirche als einem „heiligen“ Ort sprechen; aber es entsteht eben doch eine Beziehung zwischen Mensch und Ort, die diesen einen Ort aus der Fülle anderer Orte heraushebt. Da sind wir dann – wenn auch religiös aufgeklärt – in einer vergleichbaren Situation wie Abraham, der an den Orten seiner Gottesbegegnungen Altäre baut. Nicht der Ort ist heilig, aber die Beziehung, die dort geschehen ist. Und sie sucht nach einem Ausdruck, den wir festhalten können. Der Wunsch, am Ort der Verklärung eine Hütte zu bauen, ist menschlich. Aber er bleibt fragwürdig. Verselbständigt er sich und versucht man, die Spannung zwischen Beheimatung und Fremdsein einseitig aufzulösen, geht eine Ressource der Dynamik des Lebens verloren, versteinert nicht nur das Kirchgebäude, sondern die Kirche selbst.

In diesen immer prekären Selbstumgang des Lebens tritt die Herausforderung, in kurzer Zeit über eine Million Menschen anderer Kultur und anderen Glaubens am eigenen Ort aufzunehmen. Diese Herausforderung haben tausende freiwillig und beruflich in der Kirche Tätige, verstärkt seit September 2015, aufgenommen. Sie sind in die Zentralen Aufnahmeeinrichtungen gegangen, haben Kleidung gebracht, Spielzeug für die Kinder, haben Hilfe im Umgang mit Behörden angeboten, haben die Geflüchteten zu Gottesdiensten und Konzerten der Gemeinde eingeladen, haben Orte der Begegnung geschaffen, Wohnungen gesucht und Verzweifelte getröstet.

Gleichzeitig haben „Pegida“ und andere identitäre Bewegungen Zulauf erhalten, ist die AfD erstarkt und haben wir erneut eine Debatte um eine deutsche oder christlich-abendländische „Leitkultur“ erhalten. Das alles ist so verwunderlich nicht und kann als Versuch gedeutet werden, einen festen Ort zu definieren, von dem aus das Leben Halt gewinnt. Es ist leicht, sich aufgeklärt zu geben und festzustellen, dass es einen solchen Ort nicht gibt und nicht geben kann. Es ist aber nicht leicht, mit dieser Einsicht sein Leben zu bestehen. Selbst Petrus wollte eine Hütte bauen am Ort der Verklärung.

Was tun also? „Integration“ ist zum Debattenbegriff geworden, an dem oder an dessen Verständnis sich die Geister scheiden. Bedeutet Integration Anpassung der Fremden an die hier heimische Kultur? Oder ist Integration ein Prozess, der alle verändert? Wie aber ist dazu ein positives Verhältnis zu gewinnen, wenn wir keine Wahl haben, uns für diese Veränderungen zu entscheiden? Wenn die Geflüchteten eben kommen, ein Menschenrecht auf Aufnahme haben, wir aber unversehens und ohne dass wir dies entscheiden konnten, uns in einem Veränderungsprozess befinden, der in Frage stellt, was uns als Heimat lieb geworden ist?

Zunächst sind falsche Alternativen zu überwinden. Integration ist nicht entweder die Anpassung der einen an die anderen oder die Veränderung aller. Integration ist zunächst die „Selbstintegration“ des Menschen, der Weg zu sich selbst. Der Irrtum beginnt ja da, wo ich meine, es gäbe so etwas wie einen Urzustand meines Lebens, den ich als Heimat begreifen und dann festhalten könnte. Jeder Ausgangspunkt eines Integrationsprozesses ist immer schon selber das Ergebnis eines Integrationsprozesses. Die Erzählungen der Bibel über den Weg der Menschen schildern diese Selbstintegration. Allenfalls Abraham konnte – fiktiv - erzählerisch – auf einen Urzustand zurückgreifen, auf sein „Ur in Chaldäa“. Aber schon zu seinem Leben gehörte es, dass er Gott nur begegnen und das gelobte Land nur finden konnte, indem er diesen Urzustand verließ.

Der Blick auf die Selbstintegration reformatorischen Glaubens lässt uns gewahr werden, ein wie langer, mühsamer und bitter umkämpfter Weg es war, Glaube und Vernunft zu versöhnen, das Evangelium als Botschaft von Liebe, Freiheit und Toleranz zu verstehen. Wahrscheinlich werden viele von uns – und dazu zähle ich mich selbst auch – sagen: Bei aller Bereitschaft zur Veränderung gemeinsam mit den Zugewanderten muss es Werte und dementsprechend auch Grenzen des Handelns geben, die in unserer Gesellschaft von allen zu akzeptieren sind. Da ist zunächst einmal der Verweis auf das Grundgesetz. Allerdings ist das alleine noch keine ausreichende Antwort, weil auch die Würde des Menschen, die nach Art. 1 Abs. 1 unantastbar ist, kulturell unterschiedlich definiert werden kann. So werden wir von einem aufgeklärt reformatorischen Standpunkt hinzufügen: Der freiheitlich-demokratische Rechtsstaat, die Gleichberechtigung der Frau, Verbot von Gewalt in der Ehe, Anerkennung homosexueller und queerer Lebensformen – das kann nicht zur Debatte stehen und der Aufhebung durch einen Integrationsprozess anheimgegeben werden.

Doch auch dieser Standpunkt, zu dem ich persönlich neige, muss sich selbst reflektieren. Er darf sich nicht nach Art Hegelscher Philosophie idealisieren und sich sozusagen für den (endlich!) zu sich selbst gekommenen Geist des Evangeliums und damit den Höhe- und Endpunkt der Geschichte halten. Auch diese Idealisierung ist so etwas wie der Versuch, auf dem Berg der Verklärung eine Hütte zu bauen. Das Leben wird weitergehen, so oder so, d.h. mit Zugewanderten oder auch ohne. In 100 Jahren wird man vielleicht über unsere Identifikation von Evangelium, Freiheit und Demokratie lächeln. Festhalten lässt sich nichts, so oder so. Höhe- und Endpunkt der Geschichte werden erst im Reich Gottes erreicht sein.

Das ist zutiefst verunsichernd. Auch ich empfinde das so. Es ist die Verunsicherung, die aus der unauflösbaren Spannung zwischen Beheimatung und Fremdsein resultiert. Sie einseitig richtig Beheimatung aufzulösen, führt in Versteinerungen, d.h. zu Mauern und Ausgrenzung. Aber einseitig auf der zu fordernden Akzeptanz des Fremdsein als menschlicher Grundgegebenheit zu bestehen, führt zu einem abgehobenen Diskurs, der viele Menschen zurücklässt. Die offiziellen Verlautbarungen aus dem Raum der EKD und der Landeskirchen in den letzten Jahrzehnten erliegen gelegentlich dieser Gefahr. Dies dürfte einer der Gründe dafür sein, dass der Dialog zwischen dem Diskurs kirchenleitender Ebenen (einschließlich der Diskurse vieler Kirchenvorstände!) und den einzelnen Kirchenmitgliedern ins Stocken geraten ist. In Kirchengemeinden mit einem hohen Engagement für Flüchtlinge fallen der Leitdiskurs und die Meinung der einzelnen Gemeindeglieder nicht selten auseinander.

Ich kenne kein Rezept, um mit diesen Herausforderungen umzugehen. Entscheidend scheint mir, diese Herausforderungen als Herausforderungen erst einmal anzuerkennen und sie nicht zu schnell mit für normativ erklärten Toleranzdiskursen zu bagatellisieren. Die Grundspannung des Lebens aus Beheimatung und Fremdsein auszuhalten, sie nicht einseitig aufzulösen, sich nicht Scheingewissheiten hinzugeben, sie vielmehr als Ressource der Dynamik unseres Lebens zu begreifen – dies ist alles andere als einfach. Die Frage der Integration einer großen Zahl in kurzer Zeit zugewanderter Menschen konfrontiert uns mit der vielleicht anspruchsvollsten Lebensaufgabe, nämlich die genannte Grundspannung des Lebens auszuhalten und konstruktiv zu verarbeiten.

Die Bewältigung dieser Aufgabe hat gesellschaftspolitische, rechtliche, kulturelle und religiöse Implikationen. Sie ist aber auch als eine geistliche Aufgabe zu verstehen. Denn sie geschieht auf der Pilgerschaft des Menschen durch eine Welt, in der er keine bleibende Stadt hat, hin zur Stadt Gottes. Zur Bewältigung dieser Aufgabe können wir als Kirche mit unseren Gemeinden und Bildungseinrichtungen etwas beitragen. In den Kirchengemeinden können wir gezielt die verschiedenen Diskurse ins Gespräch bringen. Wir können das Vertrauen stärken, dass es im Glauben möglich ist, mit Ungewissheiten zu leben und in verunsichernden Zeiten menschlich zu bleiben. Und wir können helfen, unsere Situation zu reflektieren. Denn die Versöhnung von Glaube und Vernunft sollte auch in herausfordernden Zeiten nicht preisgegeben werden.

Dr. Horst Gorski, Kirche – eine fragwürdige Heimat, Fassung 09.06.17

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