Ihr seid das Salz der Erde. Zur Zukunft einer Kirche des Heiligen Geistes.

Vortrag vor der Landessynode der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers am 29. November 2017

An den Anfang meines Vortrages stelle ich zwei gänzlich unterschiedliche Sätze, denen ich nachgehen und deren Spannung zueinander ich fruchtbar machen möchte:

„Das Christentum des 3. Jahrtausends wird mystisch sein oder absterben.“ Der Satz stammt von Dorothee Sölle, die von manchen von Ihnen vielleicht eher mit Politischer Theologie als mit Mystik in Verbindung gebracht wird. Ihr Buch „Mystik und Widerstand“ (1997) gehört sozusagen zu meinen „Referenzwerken“, zu den Büchern, auf die ich mich in meinem Denken immer wieder beziehe.

Der andere Satz: „Zukunft gewinnt man nur durch Abstraktion.“ Das ist Niklas Luhmann, der Systemtheoretiker. Er schreibt dies 1972 in seinem Aufsatz über „Die Organisierbarkeit von Religionen und Kirchen“.

Mit diesen beiden Sätzen sind zwei gegensätzliche Blickrichtungen verbunden. Mystik heißt, ganz dicht ans Leben ranzugehen. Wenn Mystik die Vertiefung in den eigenen Seelengrund, den Grund des Lebens ist, dann kann man gar nicht dichter an das Leben und an sich selber herangehen als es in der Mystik geschieht.

Abstraktion dagegen ist nur möglich aus der Ferne. Abstrahieren heißt, ganz weit zurückzutreten und zu schauen, welche Kriterien der Betrachtung sich aus der Ferne ergeben. Beide Blickrichtungen in Dialog zu bringen, verspricht spannende Einsichten!

Und die brauchen wir. Denn – und darum dreht sich ja Ihre Synodentagung – die Welt ist in so vielfältigen Veränderungen begriffen, dass die Kirche nicht unberührt bleiben kann. In einem öffentlichen Raum, der einerseits zunehmend konfessionslos wird, in dem andererseits zunehmend andere Religionen eine Rolle spielen, sind wir herausgefordert, zu sagen, wer wir sind, was uns im Leben und Sterben trägt und was unser Beitrag in der Gesellschaft ist. Die Botschaft bleibt gleich – das Evangelium von Jesus Christus – aber die Welt, in die wir die Botschaft hineinsprechen, verändert sich. Auch die Fragen, Sorgen und Hoffnungen der Menschen bleiben nicht gleich. Ob man Salz in Tee oder in Tomatensaft tut, ist nicht dasselbe. Das gilt es zu reflektieren.


1. Mystik als Herzschlag des Glaubens
Einem Missverständnis ist am Anfang entgegenzutreten: Als sei Mystik nur etwas für „Mystiker“, für Leute mit einer besonderen Begabung der Frömmigkeit, sich in tiefe Versenkung zu begeben oder gar – wie es von Teresa von Avila berichtet wird – in körperliche Schwebezustände zu geraten. Mystik in dem hier angenommenen Verständnis ist die Erfahrung des Einsseins mit dem Ganzen, die Berührung mit Gott und seinem Geist. Die verbreitete Missachtung dieser Erfahrung hat Dorothee Sölle eine „Trivialisierung des Lebens“ genannt. Mystik beginnt mit scheinbar beiläufigen Erfahrungen in der Kindheit. Ein Kind betrachtet selbstvergessen eine Blume. Es vergisst sich und Zeit und Raum beim Spiel Das ist die Grundform mystischer Erfahrung. Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, dass meine eigene Kindheit voll von mystischen Erfahrungen war. Ich war ständig in irgendeine Betrachtung versunken. Morgens auf der Bettkante brauchte ich Minuten, um meine Strümpfe anzuziehen, weil ich zwischendurch versunken in einer anderen Welt war. Allerdings übernahm ich die Deutung der Erwachsenen: Kind, träum nicht schon wieder, hieß es, oder: schlaf nicht wieder ein... Und sollten Sie während dieses Vortrags in Absencen verfallen, so muss das keine Unaufmerksamkeit sein. Den Schatz mystischer Erfahrungen bringt – vermute ich – jeder Mensch aus der Kindheit mit. Aber es ist die Frage, ob er gehoben oder trivialisiert, entwertet wird. Das Gefühl des Einsseins mit Gott kann durch Musik oder die Betrachtung der Natur, durch eine menschliche Begegnung oder die Lektüre eines Buches oder im Gebet ausgelöst werden. Oder es kann uns scheinbar ohne Grund überfallen. Jahrhundertealte Schichten theologischer Dogmatik haben sich über diese Erfahrung gelegt, sie gedeutet, sie für gefährlich erklärt, sie verboten, weil Gott doch der ganz Andere ist. Er ist der ganz Andere. Gerade deshalb folgt er nicht gehorsam unseren Dogmatiken, sondern kommt uns nah. Auch Martin Luther übrigens hat diese Seite des Glaubens intensiv gekannt. In der Rezeption der Reformation ist diese Seite aber sehr zurückgetreten, weil Luther aus Furcht vor Unordnung diesen Teil des Glaubens zunehmend der Schwärmerei verdächtigte. Damit war er gebrandmarkt. Und mit ihm die Schwärmer. Wir brauchen ihr Erbe dringend und wir brauchen auch Luthers eigene Mystik, um die Reformation tauglich für die Zukunft zu machen.

„Das Christentum des 3. Jahrtausends wird mystisch sein oder absterben.“ Auch wenn das 3. Jahrtausend gerade erst begonnen hat, erleben jetzt schon die Wahrheit dieses Satzes. Denn wo Kirche oder Religion äußerlich wird, da wird sie ersetzbar. Das ist Folge der funktionalen Differenzierung in der Gesellschaft der Moderne. Die Kirche ist nicht mehr die Institution, die den Transzendenzbedarf der Gesellschaft reguliert, sie ist Anbieterin von Sinndeutung und Lebenskompetenz. Darin aber wird sie austauschbar, wenn sie nicht am Grund ihrer Existenz verankert ist, dem Glauben an den dreieinigen Gott, der sich in Jesus Christus offenbart hat und der uns als Schöpfer, Erlöser und Erhalter in unserem Leben begegnet. Die dogmatischen Formeln brauchen für ihre Wahrhaftigkeit die Verankerung in der Erfahrung des Glaubens. Sonst werden sie zu Wortgeklingel.

Wie Karl Barth sagte, sollen wir von Gott reden, können aber als Menschen nicht von Gott reden. „Wir sollen Beides, unser Sollen und unser Nicht-Können wissen und eben damit Gott die Ehre geben.“ Damit ist markiert, wie banal und anspruchsvoll zugleich die Aufgabe ist, die ich hier in den Blick nehme. Wie zeugen wir von dem, was wir erleben?

Ich provoziere Sie jetzt absichtlich, tue das aber mit dem Blick auf mein eigenes Tun und Lassen als Pastor seit meiner Ordination vor 34 Jahren: Der pastorale Alltag wird davon bestimmt, ein Vereinswesen am Laufen zu halten und sich beliebt zu machen. Diese Situation ist das Ergebnis eines Wechselspiels, das zu einer gegenseitigen Resignation, aber auch zu einem Agreement geführt hat: Weil Pastorinnen und Pastoren i.d.R. nur eine „Theologentheologie“ zu bieten haben, die nicht verstanden wird und nicht hilfreich ist und der es nicht gelingt, von den Erfahrungen mit Gott verständlich zu reden, fordert man ersatzweise menschliche und organisatorische Kompetenzen ab. Darunter leiden die Pastorinnen und Pastoren, weil sie in ihrer theologischen Kernkompetenz nicht angefragt werden. In diesem Zwiespalt und Leiden richten sie sich über kurz oder lang ein. Im Ergebnis retten sich beide Seiten auf eine menschlich-organisatorische Ebene, auf der man sich begegnen kann. Eine latente Unzufriedenheit aber bleibt – auf beiden Seiten. Denn eine „ferne Erinnerung“ an den eigentlich theologischen Sinn von Kirche macht sich als Sehnsucht von Zeit zu Zeit bemerkbar.

Wenn diese provozierend überspitzte Diagnose halbwegs richtig ist, muss die Schlussfolgerung lauten: Wir brauchen eine andere Theologie. Wir brauchen eine andere Ausbildung. Wir brauchen ein anderes Gemeindeleben.

Wir brauchen eine Theologie, die die Erfahrung reflektiert und aussprechbar macht. Ansätze dazu sind in den letzten 30 Jahren entwickelt worden. Als ich meine Ausbildung begann, wurden gerade die Humanwissenschaften in die Ausbildung hereingeholt, wir erhielten eine pastoraltheologische Zusatzausbildung, wurden – ansatzweise – tiefenpsychologisch geschult und lernten, uns selber wahrzunehmen. Ich bin dankbar für das, was ich mit auf den Weg bekommen habe. Ich weiß als mittlerweile 60jähriger Mensch aber auch: All das ist ein dürrer Anfang. Seine Fortsetzung ist ein lebenslanger geistlicher Weg nach Hause. So würde ich mein Leben inzwischen beschreiben: ein geistlicher Weg nach Hause. Und dies mit Zittern und Zagen durch den Alltag zu bestehen, ist die schwierigste aller Aufgaben. So leicht wird dieser Weg begraben unter Zwang und Hektik des Alltags, die uns gefangen nehmen. Ich weiß auch kein Rezept. Aber die Kirche der Zukunft wird gut daran tun, sich zu überlegen, wie Menschen auf diesem Weg besser begleitet und unterstützt werden können. Sie wird auch gut daran tun, das gemeindliche Leben unter diesem Blickwinkel zu betrachten. All die Überforderungen resultieren doch meist aus Nebensächlichkeiten. Dorothee Sölle hat so schön gesagt: Wir sind „over-educated“ und „under-powered“, das heißt anders gewendet: Während wir uns durch Nebensächlichkeiten überfordert fühlen, sind wir gerade in unserer Kernkompetenz unterfordert. Und vielleicht löst des Zweite sogar den größeren Stress aus als das Erste. Und manchmal scheint es mir, als betrieben wir unsere Unterforderung in unserer Kernkompetenz mit System.

Wir brauchen eine Theologie, die unser Sozialwesen reflektiert. Und an dieser Stelle diagnostiziere ich eine noch größere Baustelle. Denn während die innere Seite durch die Aufnahme der Psychologie in die Theologie immerhin einen gewissen Raum bekommen hat, bleiben die Sozialwissenschaften in der Theologie und in der Ausbildung immer noch weitgehend außen vor. Wir leben orientiert an einem 2000 Jahre alten Text. Und wenn wir das Sozialwesen überhaupt zur Kenntnis nehmen, dann wir unsere Pastorinnen und Pastoren das eine oder andere über die Umwelt zur Zeit Jesu. Über die Welt ihrer Gemeindeglieder wissen sie dagegen wenig. (Und als einer, der auf seine 1. Pfarrstelle in einen sozialen Brennpunkt geschickt wurde, was ich aus eigener Erfahrung, was das heißt.) Und nur ausnahmsweise wird die Mitwirkung in der Gestaltung des Gemeinwesens überhaupt als kirchlicher Auftrag erkannt. Ich weiß – und freue mich darüber – dass Sie dies in Ihren neuen Verfassungsentwurf ausdrücklich aufgenommen haben.

Mit diesen Facetten wird deutlich, dass ich „Mystik“ als Grundelement der Kirche der Zukunft auf gar keinen Fall verstanden wissen möchte als Rückzug in die Innerlichkeit. Wenn man Dorothee Sölles Buch „Mystik und Widerstand“ als Referenzwerk angibt, signalisiert man wohl auch deutlich genug, dass man Mystik nicht von der Weltverantwortung zu trennen gedenkt. Einssein mit dem Ursprung in Gott heißt auch Einssein mit den Menschen und ihrem Wohl und Wehe. Mystiker nennen Gott das „stille Geschrei“. Und darin ist eingeschlossen, dass wer diesen stillen Schrei hört auch das Schreien Jesu am Kreuz und das Seufzen und Schreien der Kreatur hört und hören muss, anders hätte er Gott nicht gehört. So fügen sich Mystik und Weltverantwortung nicht am Ende irgendwie wieder zusammen. Sondern sie sind von Anfang an eins.


2. Abstraktion zur Gewinnung von Zukunft
Nachdem wir sozusagen mit einem Zoom so dicht wie nur möglich herangegangen sind an unser Leben, zoomen wir uns jetzt – sagen wir in eine Höhe von 1.000 m. Also so weit, dass Einzelheiten durchaus noch konturiert zu sehen sind, aber gleichzeitig große Linie erkennbar werden. Was sehe ich, wenn ich aus dieser Entfernung auf unsere Kirche schaue?

Ich sehe eine Kirche, die damit beschäftigt ist, die funktionale Differenzierung der modernen Gesellschaft organisational zu bewältigen. Im ganz großen Rahmen gehört dazu immer noch, zu verdauen, dass die Kirche nicht mehr ein gesamtgesellschaftliches System zur Bewältigung des Transzendenzbedarfs ist. Das war die Kirche bis zur Aufklärung, als Staat, Gesellschaft und Kirche eins waren, man nannte es das „corpus christianum“. Aus diesem System war Austritt nicht möglich und Eintritt wurde erzwungen. So erklärt sich, dass auf die Erwachsenentaufe – wie sie verschiedene Zweige der Reformation praktizierten – die Todesstrafe stand. Denn die Kindertaufe abzulehnen, hieß, die Eingliederung in das eine corpus christianum zu verweigern. Damit wurde man zum „outlaw“, zum Gesetzlosen.

Kirchenaustritt wurde in Deutschland erstmals 1848 in Preußen möglich. Das ist zwar lange her, aber eigentlich dann doch auch wieder erstaunlich kurz. Nicht mehr die alleinigen Transzendenzhüter der Gesellschaft zu sein, beunruhigt uns irgendwie immer noch. Auch wenn wir das so offen nicht sagen. Und niemand würde die Freiwilligkeit der Kirchenmitgliedschaft in Frage stellen. Der neue Verfassungsentwurf formuliert ausdrücklich, dass man „einladende“ Kirche sein will. Aber die Trauer über den damit gegebenen Bedeutungsverlust ist noch keineswegs bewältigt. Und die plötzlich wieder aufgekommene Erinnerung an das „christliche Abendland“ signalisiert, dass diese Trauer über die Grenzen der Kirchen hinaus in der Gesellschaft als eine unbestimmte Erinnerung latent vorhanden ist. Da kommen wir her.

Innerhalb dieses ganz großen Rahmens sehe ich auf der nächsten Ebene, wie die Kirche sich organisatorisch aufstellt, um die funktionale Differenzierung der Gesellschaft auffangen zu können. Beispiele: Die Gesetzgebung wird immer differenzierter. Als ich vor 25 Jahren mit meinen Konfirmanden auf Freizeit fuhr, reichte es, die Eltern ihr Einverständnis geben zu lassen und vielleicht noch nach besonderem Medikamentenbedarf der Kinder zu fragen. Heute muss man ein ganzes Arsenal an Jugendschutzbestimmungen, Haftungsfragen und Datenschutzvorgaben beachten, wenn man mit der Durchführung einer Freizeit nicht diverse Ordnungswidrigkeiten oder sogar Straftaten begehen will. Die Ansprüche an saubere Leitung erfordert die Einführung eines Corporate Governance Codex. Die immer diffizileren Steuerfragen erfordern die Einführung eins Tax-Compliance-Management-Systems. Keine Kirche kommt ohne Datenschutzbeauftragten aus. Für die Fernsehgottesdienste stellt das ZDF inzwischen regelmäßig geschultes Sicherheitspersonal zur Verfügung. Es mag eine Frage der Zeit sein, wann dies nicht nur für Fernsehgottesdienste erforderlich ist.

Auf all diese äußeren Anforderungen zu reagieren, kann die Kirche lediglich in ihrer organisationalen Gestalt leisten und das heißt auf den übergeordneten Ebenen der Kirchenkreise, der Landeskirchen usw. Die einfache Gemeinde, die zwar auch gewisse organisationale Strukturen hat, im Wesentlichen aber auf der direkten Kommunikation beruht, ist kaum mehr in der Lage, auf diese Herausforderungen selber und alleine zu reagieren. Da diese Differenzierung immer mehr zunimmt, geben immer mehr Landeskirchen den Kirchenkreisen immer mehr Kompetenzen. Auch in Ihrer Landeskirche ist das so. Damit werden die Kirchenkreise zu der hauptsächlichen Schnittstelle zwischen den einfachen Interaktionssystemen der Gemeinden und den Organisationssystemen der Kirche. Hier entstehen vornehmlich die Reibungen, hier werden die Konflikte ausgetragen, hier wird nicht zuletzt die finanzielle Konkurrenz bewältigt. Dass immer mehr Geld in Stellen der Organisationsgestalt der Kirche gegeben werden muss, wird von den Gemeinden kritisch angefragt. Zu Recht! Aber Schuld sind nicht die anderen kirchlichen Ebenen. Und an dieser Stelle finde ich den Blick der Abstraktion aus der Ferne mindestens wohltuend: Schuld ist – wenn man diesen Begriff verwenden will – die Systemgestalt der modernen Gesellschaft. Nun mögen Sie lächeln und sagen: Das mag sein, hilft uns aber auch nicht. Stimmt. Stimmt aber nicht ganz. Denn immerhin ist eine Einsicht gewonnen, die es erleichtern könnte, uns nicht zu entsolidarisieren. Und es ist eine Aufgabe formuliert: Denn unsere dogmatischen Bilder von Kirche, also die Ekklesiologie, ist bis heute zum einen an steilen theologischen Voraussetzungen orientiert, wie Sie sie in Ihrer neuen Präambel so schön beschreiben. Und sie bezieht diese steilen Sätze soziohistorisch allenfalls auf Bilder, die auf die Ständegesellschaft bezogen sind, wie etwa das Bild vom Leib und den Gliedern. Mir ist keine Ekklesiologie bekannt, die die tatsächlich heute gegebene Gestalt von Kirche dogmatisch reflektiert. Diese Leerstelle führt dazu, dass lediglich für die Gemeinden halbwegs anwendbare ekklesiologische Modelle existieren, mithin nur sie „eigentlich“ Kirche sind, während die organisationalen Ebenen der Kirche – wiewohl die Kirche ohne sie heute nicht lebensfähig wäre – dogmatisch bloß dastehen und im Diskurs abgewertet werden. Eine Ekklesiologie für die Kirche der Zukunft hätte die Aufgabe, alle Ebenen von Kirche theologisch zu reflektieren und damit auch zu würdigen.

Wir haben in den letzten 30 Jahren auf die funktionale Differenzierung der Gesellschaft organisational im Wesentlichen mit betriebswirtschaftlichem Denken reagiert. Das ist das Thema Ihres „Aktenstückes 98“ von 2005 und des Impulstextes „Kirche der Freiheit“ von 2006. Was in „Kirche der Freiheit“ an Professionalisierung, Mentalitätswechsel und inhaltlicher Profilierung gefordert wird, überträgt wirtschaftliches Denken von Effizienz, Markenkern und Kundenorientierung auf den „Betrieb“ Kirche.

Auf Abfrage des Kirchenamtes der EKD unter allen Landeskirchen hat das Kolleg Ihrer Landeskirche im August 2016 eine Zwischenbilanz zu „10-Jahre Kirche der Freiheit“ verfasst. Dem entnehme ich, dass Sie vor allem drei Herausforderungen nachgegangen sind: Zum einen „der zunehmenden Ausdifferenzierung von Kulturen, Lebensentwürfen, Freizeitgestaltung etc.“ durch differenzierte Angebote in Gottesdienst, Gemeindearbeit und übergemeindlichen Angeboten entgegenzukommen und gleichzeitig „milieuübergreifende Formen“ zu finden, um dennoch als eine Kirche beieinander zu bleiben. Zum anderen haben Sie eine umfassende Qualifizierungsoffensive gestartet, indem Sie – um nur Beispiele zu nennen – das „Evangelische Zentrum für Gottesdienst und Kirchenmusik“ in Hildesheim, das „Zentrum für Seelsorge“ in Hannover geschaffen oder gemeinsam mit der Braunschweigischen Landeskirche sog. „Gemeindekuratoren“ ausgebildet und „Religionslehrkräfte zu ehrenamtlichen Schulseelsorgern qualifiziert“ haben. Drittens schließlich haben Sie strukturell reagiert: Sie haben 2009 ein Finanzausgleichsgesetz geschaffen, 2014 das „Diakonische Werk evangelischer Kirchen in Niedersachsen e.V.“ gegründet, und seit 2016 gilt das „Kirchengesetz über die regionale Zusammenarbeit von Kirchengemeinden“. Schließlich schafft eine neue Kirchenkreisordnung „Freiräume für die Entwicklung von mehr Vielfalt in den Strukturen der Kirchenkreise“. Zu all dem kommt die Arbeit an einer sehr gründlich revidierten Verfassung hinzu. Und schließlich weisen Sie in der Zwischenbilanz darauf hin, dass neben all diesen nach innen gerichteten Bemühungen die weltweite Ökumene nicht zu kurz kommen darf.

Damit haben Sie die Herausforderungen mit einem Mut, einer Energie und mit einer Konsequenz aufgegriffen, wie es sie in den Landeskirchen der EKD und den Gliedkirchen der VELKD nicht überall gibt.

Damit können Sie hoch zufrieden sein! Dennoch. Wenn ich hin und wieder gefragt werde, was ich denn nach 10 Jahren „Kirche der Freiheit“, nach einer Lutherdekade und einem Reformationsjubiläumsjahr 2017 als Ertrag oder Antworten auf die Zukunftsfragen unserer Kirche sehe, dann werde ich ziemlich still. Ich glaube, die Antworten stehen noch aus. In den Diskussionen mit Ihren Vertretern spüre ich das am deutlichsten, wenn es um die Artikel 3 und 17 geht, um „Formen kirchlichen Lebens“ und um neue Kirchengemeindeformen geht. Da wird versucht, eine Tür zu öffnen, auch über die verfasste Kirche hinaus. Noch wissen wir aber nicht, was sich hinter der Tür befindet.

Ich versuche, die Herausforderungen aus einer abstrakten Perspektive zu beschreiben und zu deuten: Auch wenn man Spuren zu Max Weber zurückverfolgen kann, begann die eigentliche Phase betriebswirtschaftlichen Organisierens in den 60er Jahren, ausgelöst durch das Werk des Wirtschaftswissenschaftlers Erich Gutenberg. Sein Hauptwerk wird unter BWL-Studenten, wie ich mir habe sagen lassen, ironisch die „Gutenberg-Bibel“ genannt. Diese Phase aber verliert ihre Prägekraft. Sie geht nicht zu Ende, dazu überlappen sich die Phasen zu sehr, aber ihre Hoch-Zeit, in der sie das Referenzsystem der Organisationsgestaltung war, scheint abzunehmen. Und das, was wir an Professionalisierung, Mentalitätswechsel und Kundenorientierung erreicht haben, ist eher das Auffüllen eines Nachholbedarfes gewesen. Natürlich ist dieses Auffüllen eine wichtige Voraussetzung für die Zukunft. Aber entscheidende Zukunftsfragen stellen sich am Ende dieser betriebswirtschaftlich ausgerichteten Phase neu und sind unbeantwortet.

Die nächste Phase, in deren Anfang wir bereits mächtig involviert sind, ist die der digitalisierten Welt. Mit ihr sind Veränderungen verbunden, die wir – da wir selber mittendrin stecken, kann das gar nicht anders sein – alle zusammen gerade erst zu verstehen beginnen. Zu diesen Veränderungen gehört, dass die Ränder der Organisation Kirche in Frage gestellt werden, sich verflüssigen. Das kann man sehr schön am Mitgliedschaftsrecht sehen. Längst gibt es „Netzgemeinden“. Sind die drinnen oder draußen? Sind das Kirchenmitglieder oder nicht? Diese Frage zu beantworten, fehlen uns bislang die Instrumente. Es wird auch neue Formen von Gemeinde brauchen – wozu Sie mit den Artikeln 3 und 17 eine Tür öffnen wollen. Ob aber die Tür innerhalb der Strukturen von verfasster Kirche, wie wir sie kennen, groß genug sein wird, um auch Gemeindeformen der digitalisierten Welt zu beschreiben, das wird man erst sehen. Denn Artikel 3 ist – soweit ich ihn verstehe – trotz der Öffnung für nicht verfasste Formen kirchlichen Lebens trotzdem irgendwie innerhalb der klassischen Grenzen einer Organisation gedacht. Wie „Zeugnis- und Dienstgemeinschaft“ in einer „inneren und äußeren Einheit“ zum Beispiel im Blick auf Netzgemeinden gedacht werden können, deren Mitglieder durch das bisherige Mitgliedschaftsrecht nicht erfasst werden, scheint mir noch nicht beschrieben zu sein.

Obsolet ist inzwischen die Unterscheidung von „real“ und „virtuell“. Die virtuelle Welt ist genauso unsere reale Welt wie alles, was wir anfassen können. Mobbing bei Facebook tut nicht weniger weh und berührt uns menschlich nicht weniger als Mobbing per Flüsterpropaganda auf den Fluren des Arbeitsplatzes. Und ein seelsorgerlicher Rat im Internet-Chat kann genauso hilfreich sein wie einer im persönlichen Gespräch. Was soll da „virtuell“ heißen? Netzgemeinden als „nur virtuell“ zu qualifizieren, wird in Zukunft nicht mehr funktionieren. Und wir werden theologische Reflektionen brauchen, die uns verstehen helfen, zum Beispiel auch die Teilnahme an einem Abendmahl in der digitalen Welt geistlich zu qualifizieren.

Die Kirche der Zukunft wird eine Theologie brauchen, die in der Lage ist, dieses Leben in der digitalisierten Welt zu reflektieren, und sie wird Strukturen brauchen, die die organisationale Ebene verlassen oder zumindest zusätzlich zu ihr zur Verfügung stellen und zugänglich für die Netzgesellschaft werden. Kommunikativ haben Sie dazu einen großen Schritt getan mit der Einrichtung einer Homepage „Kirchenverfassung2020“.

Mindestens vor der strukturellen Herausforderung stehen alle Organisationen heute. Vielleicht bringt die Kirche sogar die besten Voraussetzungen zu ihrer Bewältigung mit, weil wir immer gewusst haben, dass es eine sichtbare und eine unsichtbare Kirche gibt, und weil unsere Botschaft vom Kreuz von Anfang an eine Torheit war, die nicht in die Welt passte.


3. Kirche in der Gesellschaft
Alle drei Aspekte des Glaubens kamen bereits zur Sprache: Die Seite des persönlichen Glaubens, hier unter der Bezeichnung als Mystik. Die Seite der kirchlichen Organisation und Ekklesiologie. Und auch die Seite des öffentlichen Auftrags der Kirche wurde bereits berührt. Um sie soll es in einem dritten Teil vertiefter gehen, bevor am Schluss die Aspekte zusammengesehen werden.

Das Verhältnis von Glaube und Öffentlichkeit, von Kirche und Staat hat eine verzweigte Geschichte hinter sich. Martin Luthers Lehre von den zwei Reichen und zwei Regimentern schuf erste Ansätze zu einer Trennung der Sphären von Kirche und Staat. Es dauerte allerdings bis 1918, bis diese Trennung vollzogen wurde. Zu diesem Komplex haben wir den Vortrag von Herrn Professor Papier gehört.

Theologisch haben sich die protestantischen Kirchen – und vor allem die lutherischen Kirchen – schwer getan mit der Demokratie. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben sich die Kirchen zwar sofort in den bürgerschaftlich-demokratischen Diskurs über Werte und Gestaltung des politischen Lebens eingebracht (zu nennen ist u.a. die Arbeit der evangelischen Akademien), es dauerte aber bis zur Demokratie-Denkschrift der EKD 1985, dass die evangelischen Kirchen in Deutschland sich erstmals zur Demokratie in ein positives, auch theologisch reflektiertes Verhältnis setzten. Heute erscheint es so selbstverständlich, wenn führende Vertreter der Kirche von einer „inneren Nähe“ von Evangelium und Demokratie sprechen. Darüber gerät leicht in Vergessenheit, wie lange der Weg zu dieser Einsicht war. Ihr Verfassungsentwurf versucht in seinem Artikel 5 den Auftrag der Kirche im öffentlichen Leben erstmals für Ihre Landeskirche ausdrücklich zu beschreiben.

Nach meinem Eindruck erliegen wir leicht der Gefahr, die Klärung unseres Verhältnisses zur Demokratie für etwas Abgeschlossenes, Endgültiges zu halten, so als ob – mit Hegel gesprochen – in der demokratischen Staatsform der Geist des Evangeliums zu selbst gekommen wäre. Doch das wäre schon vor dem Horizont der Geschichte gesehen ganz unwahrscheinlich. Die Welt entwickelt sich weiter und wir mit ihr, hoffentlich.

In einer solchen Entwicklung stecken wir schon mitten drin. Die Form von Demokratie, auf die sich die EKD-Denkschrift 1985 bezog und in der Bonner Republik beziehen konnte, war die Konsens-Demokratie. Das drückt sich beispielsweise in den folgenden Formulierungen aus:

„Eine demokratische Gesellschaft muss konfliktfähig sein. Konflikte dürfen nicht verdrängt und unterdrückt werden; sie müssen öffentlich ausgetragen werden. Öffentlicher Konfliktaustrag erfordert aber, dass die Auseinandersetzungen sachlich geführt werden und dass die Konfliktpartner sich am Ziel eines Konsenses oder eines Kompromisses orientieren.“ (44)

„Die Lebendigkeit der Demokratie beruht auf der offenen Diskussion und Auseinandersetzung über strittige Fragen. Sie bedarf aber auch eines tragenden Grundkonsenses. Zu beidem haben Christen und Kirchen einen Beitrag zu leisten.“ (45)

„Deshalb sind sie bereit, konstruktiv an der offenen demokratischen Diskussion teilzunehmen und einen demokratischen Grundkonsens immer neu zu erarbeiten und zu befestigen...“ (45)

Konflikte gab es auch damals – wie auch nicht? Sowohl die 68-Jahre als auch der Terror der 70er Jahre lag bereits hinter der jungen Demokratie. Man ging aber selbstverständlich davon aus und hielt dies für unabdingbar, dass Konflikte auf einen tragenden Grundkonsens hin moderiert werden könnten und dass die Kirche dabei einen entscheidenden Beitrag zu leisten hätte.

Unmerklich, aber deutlich hat sich unsere Demokratie seitdem verändert. Heute müssen wir davon ausgehen, dass unsere Demokratie mit bleibenden Konflikten leben muss, die sich nicht auf einen Grundkonsens hin moderieren lassen. Der gesellschaftliche Zusammenhalt wird gleichwohl zu suchen sein, aber trotz bleibender Konflikte und mit ihnen. Damit verändert sich notwendig auch die Rolle der Kirche. Konnte sie damals ihre Rolle darin sehen, einen Beitrag zum Grundkonsens zu leisten und ihn mit ihren Werten und dem Orientierungswissen der christlichen Tradition zu festigen, so bewirkt ein allzu starkes Hineingehen in den öffentlichen Diskurs mit unseren Werten heute eher die Ausgrenzung von Positionen und ist dem gesellschaftlichen Zusammenhalt damit unter Umständen sogar abträglich.

Die Text „Konsens und Konflikt“ der Kammer für Öffentliche Verantwortung der EKD, der im August veröffentlicht wurde, greift diese Fragestellung auf. Ich halte ihn für einen der wichtigsten Texte der EKD in den letzten Jahren. Im Kern beschreibt er die veränderte Rolle der Kirche so, dass sie vom Freiheitsimpuls des Evangeliums her die Aufgabe hat, Diskursräume offen zu halten und den fairen Diskurs mitzugestalten. Allerdings ist damit die heikle Frage nach den Grenzen des Diskurses mitgestellt: Bis wohin sollen wir mit Andersdenkenden reden, an welcher Grenze von Falschbehauptungen, rassistischen Positionen oder beleidigender Sprache endet der Diskurs? Und mit welchen Inhalten füllen wir diesen Diskurs; denn nur vom Freiheitsimpuls des Evangeliums zu sprechen ließe die kirchliche Botschaft blass werden.

Diese Fragen werden sich erst in den nächsten Jahren nach und nach aufgrund von Erfahrungen beantworten lassen. Aber schon jetzt erlebe ich es in meiner Arbeit für die EKD eine innere Zerreißprobe, wenn es zum Beispiel darum geht, eine Pressemitteilung zu einem Europa mit offenen Grenzen herauszugeben und ich weiß: Einerseits dürfen wir vom Evangelium her auf gar keinen Fall nachlassen, für humanitäre Zugangsmöglichkeiten nach Europa einzutreten. Jedes Nachlassen wäre ein Zurückweichen vor rechtspopulistischen Parolen. Andererseits laufen wir Gefahr, damit die Ängste mancher Menschen zu verstärken, auch mancher unserer Kirchenmitglieder, und tragen indirekt und ungewollt womöglich zur Stärkung der Gegenposition bei.

Aus diesem Dilemma gibt es zurzeit keinen einfachen Ausweg. Vielleicht liegt unsere Aufgabe, unser Dienst für die Gesellschaft, darin, dieses Dilemma – auch die Emotionen, die damit verbunden sind – zu reflektieren und sprachfähig zu machen. Wenn man bedenkt, dass unsere Botschaft ja etwas von Angst und Vertrauen zu sagen weiß, dann könnten wir damit genau bei unserer Rolle sein. Ich könnte mir vorstellen, dass Sie die Formulierungen von Artikel 5 vor diesem Hintergrund noch einmal anschauen.

Wir müssen damit rechnen, dass unsere Demokratie sich auch weiter verändern wird. Wenn wir in Europa und darüber hinaus um uns schauen, dann steht zu befürchten, dass dies in Richtung mehr autokratischen Elementen und weniger Freiheit gehen wird.

Nach meiner Einschätzung wird es in den nächsten Jahrzehnten ein Meta-Thema geben, das auf allen Feldern des Zusammenlebens wiederkehrt, das ist das Thema der Kontrolle, und zwar in seinen verschiedenen Varianten als Kontrollüberschuss und Kontrollverlust. Ganz stark durchzieht dieses Thema die Fragen der digitalisierten Welt, es holt uns aber genauso beim Thema Flucht und Migration, beim Thema Innere Sicherheit, Terrorbekämpfung oder Entwicklung der Kulturen des Zusammenlebens ein. Flankiert wird dieses Thema von dem Problem der Transparenz – die durch die Digitalisierung zunimmt – und Intransparenz – die ebenfalls durch dieselbe Digitalisierung zunimmt. Wir werden uns in Prozessen bewegen und in ihnen Handeln müssen, auch als Kirche, in denen jeder Schritt ein Ausprobieren ist, ob er anschlussfähig an die Umgebung ist, man aber damit rechnen muss, dass schon in dem Augenblick, in dem man handelt, sich die Handlungsvoraussetzungen verändert haben. Was abstrakt klingt, erleben wir ja konkret schon, wenn die Reaktionen auf eine öffentliche Äußerung der Kirche schon da sind, noch bevor wir sie intern ausreichend kommuniziert haben.

Die digitalisierte Welt löst scheinbar das Freiheitsversprechen der Moderne ein. Denn sie zwingt niemanden, bietet aber unüberschaubar viele Möglichkeiten. Gleichzeitig wird unsere Freiheit einem ungeahnten Kontrollverlust unterliegen. Unter diesen Umständen greift die Definition von Freiheit als Freiheit von Zwang nicht mehr. Freiheit wird vielmehr in der kognitiven Distanz bestehen, scheinbaren Alternativlosigkeiten Alternativen entgegenzusetzen.

Was es heißen wird, unter diesen Umständen Kirche in der Gesellschaft zu sein, den Öffentlichkeitsauftrag der Kirche wahrzunehmen, das wissen wir nicht. Zumindest kenne ich niemanden, der es weiß, und ich weiß es auch nicht. Das wird gemeinsam zu erarbeiten sein.


4. Salz der Erde – Kirche des Heiligen Geistes
Drei Seiten des Glaubens werden untrennbar in einer Kirche der Zukunft lebendig sein: Die innere Seite der persönlichen Frömmigkeit, die ich Mystik genannt habe. Ohne dieses Berührtsein von Gott, ohne die Verbindung zum Ganzen, auch zu den Menschen, die damit gegeben ist, fehlt die Voraussetzung für alles andere. Dann bliebe eine leere Hülle, eine Organisation, eine Werteagentur, bestenfalls.

Die innere Seite würde sich aber verlieren, wenn sie nicht gelebt würde in einer Gemeinschaft, die auch eine organisationale Seite hat. Dabei ist deutlich geworden, welche Herausforderungen darin liegen werden, mit sich verflüssigenden Rändern von Organisationen in der digitalisierten Welt umzugehen.

Und schließlich gehört als dritte Seite der Öffentlichkeitsauftrag der Kirche dazu, ihre Weltverantwortung, das soziale Gemeinwesen sowohl regional vor Ort, wie auch in der Bundesrepublik und darüber hinaus mitzugestalten.

Keinen Raum haben bei diesem dreiseitigen Ansatz alle Versuche, diese Seiten gegeneinander auszuspielen, so als könne die Kirche ihrem Auftrag gerecht werden, wenn sie eine Seite fallen ließe oder sich nur auf eine Seite konzentrieren würde.

Es ist nicht egal, ob man Salz in Tee oder Tomatensaft tut – diese Eingangsfeststellung habe ich versucht, durch meine Ausführungen zu konkretisieren. Das Salz unserer Botschaft dürfte von der Kirche der Zukunft in ein Umfeld gestreut werden, in dem fortschreitende funktionale Differenzierung der Gesellschaft, Digitalisierung, Veränderung der demokratischen Formen des Zusammenlebens, Kontrollüberschuss und Kontrollverlust, Transparenz und Undurchschaubarkeit prägende Faktoren sind.

Ich vermute, dass darin dem Menschen als dem einzigen Wesen, das ein Bewusstsein seiner Endlichkeit hat, die entscheidende Rolle bei der Steuerung von Freiheit und Verantwortung zukommen wird. Es wird auf die Geistes-Gegenwart des Menschen ankommen. Auf sie kam es immer an. Aber sie wird unter den genannten Rahmenbedingungen der Schlüssel sein, der die Steuerung der Vorgänge und ihren Zusammenhalt gewährleisten kann.

Die Kirche wird eine Kirche des Heiligen Geistes sein. Auch dies war sie immer schon, die Ausgießung des Heiligen Geistes zu Pfingsten ist ihr Ursprung. Sie wird sich aber in den undurchschaubaren Prozessen noch stärker dem Wirken des Heiligen Geistes anvertrauen. Die reformatorische Theologie hat den Heiligen Geist – aus Sorge vor Schwärmerei – untrennbar an das Wort der Schrift gebunden. Dieses Erbe bleibt ungebrochen. Das Wort der Schrift ist Jesus Christus als Gekreuzigter und Auferstandener. Darauf ist alles Handeln zu beziehen. Aber die Ängstlichkeit vor dem Wirken des Geistes, die uns aus der Reformationszeit auch überliefert ist, die wird zurückgetreten zugunsten eines Vertrauens, dass der Gott, der die Welt geschaffen und erlöst hat, sie auch in den undurchschaubaren Prozessen der Zukunft halten und sich mitten in diesen Prozessen zeigen wird. Davon zu zeugen, wird Aufgabe der Christinnen und Christen, Aufgabe der Kirche sein.

Die vielleicht größte Gefahr in den Veränderungen der kommenden Jahre wird sein, aus Angst und Unsicherheit die Menschlichkeit zu verlieren. Die Menschlichkeit im persönlichen Umgang, die Humanität in der politischen Gestaltung. Das Salz, das wir zu geben haben, ist das Zeugnis davon, dass es möglich ist, auch in Unsicherheit und Angst menschlich zu bleiben. Wo uns dies gelingt, können wir darauf vertrauen, dass es der Heilige Geist ist, der uns treibt und beflügelt.

Zurück
Zurück

Kirche - eine fragwürdige Heimat

Weiter
Weiter

Synodal - episkopal - konsistorial