Theologie in der digitalen Welt. Ein Versuch.

Erschienen in Pastoraltheologie Bd. 107, 4/2018

Jedes neue technische Verbreitungsmedium erzeugt einen Überschusssinn, der durch neue Kulturformen bewältigt werden muss und auch die Religion zur Bildung einer entsprechenden Form herausfordert. Gesucht wird nach einem neuen theologischen Zugriff der Interpretation der Welt unter den Bedingungen von digitaler Instantaneität und Konnektivität. Eine neue Offenheit für den Heiligen Geistes kann den Raum schaffen, um die Erfahrung Gottes in den undurchschaubaren Prozessen der digitalen Welt zu interpretieren. Was bedeutet dies für die Rolle der Kirche und die Bestimmung von Freiheit und Verantwortung gegenüber intelligenzbasierten digitalen Prozessen?

1. Einleitung: Faszination und Erschütterung

Als einer von 6,94 Millionen Zuschauern sah ich am 11. Juni 2017 den Tatort „Level X“. Das Mordopfer ist „Prankster“, also einer, der anderen vor laufender Kamera Streiche spielt. Sein Tod ist in seinem eigenen Livestream zu beobachten, allerdings bleiben die Täter unsichtbar. Die Dresdner Kommissare nehmen ihre Arbeit auf in einem Milieu, in dem die Räume, in denen sie Zeugen und Tatverdächtige aufsuchen, mit Kameras bestückt sind; auch am Körper werden Kameras getragen. Während die Ermittler Zeugen und Tatverdächtige befragen, stellen sie fest, dass die Netzgemeinde zusieht, kommentiert und handelt. Als sie in ein Apartment stürmen aus Sorge um das Leben eines möglichen Tatzeugen, finden sie ihn darin blutüberströmt liegen. Während sie Erste Hilfe leisten und Verstärkung anfordern, springt er lachend auf. Auch dies live für die Netzgemeinde zu sehen. Die Kommissare geraten zum Gespött. Unbeirrt setzen sie ihre Arbeit fort.

Dieser Tatort führt vor Augen, was „digitalisierte Welt“ heißen kann: Alles ist jederzeit öffentlich und live zu sehen, die sog. Instantaneität. Während man unter den Bedingungen des Buchdrucks und auch der Telekommunikation noch nach der Verbreitung und Vermittlung von Informationen gefragt hat, ist in der digitalisierten Gesellschaft die Resonanz schon da, noch bevor der Handlungsvorgang abgeschlossen ist, und verändert die Handlungsvoraussetzungen. Wenn sich die beteiligten Akteure gleichzeitig in Echtzeit beobachten und in Echtzeit reagieren, entsteht eine rekursive Irritationsdynamik, die tendenziell unbegrenzt ist. Aus diesem nicht kontrollierbaren Raum geschieht jederzeit Unvorhersehbares, Persönliches wird öffentlich und ist der eigenen Kontrolle unversehens entzogen.

Die rekursive Dynamik kann in unterschiedliche Richtungen laufen. Die aufklärenden Twitter-Meldungen der Polizei nach dem Amoklauf eines Jugendlichen in München am 22. Juli 2016 sind ein Beispiel für eine rekursive Stabilisierungsdynamik. Die Rekursivität dieser Dynamiken, gleich ob irritierend oder stabilisierend, lässt die Unterscheidung von „real“ und „virtuell“ in der digitalisierten Welt verschwinden. Kameras mit Gesichtserkennung im öffentlichen Raum, wie sie in Berlin versuchsweise installiert wurden, können die technischen Voraussetzungen dafür schaffen, dass Instantaneität flächendeckend entsteht und das Persönliche als Daten nutzbar wird.

Aus diesen einleitenden Beobachtungen können erste Vermutungen abgeleitet werden. In der digitalisierten Welt werden Öffentliches und Privates entscheidende Referenzfaktoren sein, deren Verhältnis zueinander in Frage steht. Es wird um Irritation und Stabilisierung gehen, die in einem oszillierenden Verhältnis zueinander stehen. Zu den Referenzfaktoren werden Kontrolle und Steuerung von Kontrolle gehören. Schließlich wird fraglich werden, ob Zeit noch linear verläuft. Wie auf einem LED-Bildschirm mit seinen abertausenden Punkten vom Auge nur Flächen wahrgenommen werden, weil die Winzigkeit der Punkte die physische Auflösungskapazität des Auges unterläuft, so wird Zeit nicht mehr linear erscheinen, weil die Geschwindigkeit der Rekursivität das zeitliche Wahrnehmungsvermögen des menschlichen Gehirns unterläuft.

Der Tatort „Level X“ hat mich mit einer Mischung aus Faszination und Erschütterung zurückgelassen. Dieses private Erlebnis ist als solches zufällig und für die Wissenschaft bedeutungslos. Wenn ich es als Ausgangspunkt für meine Überlegungen nehme, dann deshalb, weil ich vermute, dass hier eine Faszination und Erschütterung erlebbar und fassbar wurden, die untergründig in der Gesellschaft dieser Tage verbreitet, dort aber schwer und nur unter erheblichem methodischen Aufwand soziologisch zu erfassen sind. Der Film ließ mich zurück mit der Frage: Wie sollen wir unter diesen Bedingungen leben? Unabhängig von einem zufälligen Erlebnis könnte dies eine der Schlüsselfragen sein, die viele Menschen heute beschäftigt und die Motor ihrer Unruhe und ihres Handelns sind.

Damit sind Fragen markiert wie: Was ist der Mensch in der digitalisierten Welt? Wie werden Freiheit und Verantwortung bestehen können? Was wird „Gesellschaft“ sein? Und wie wird Gott Menschen erscheinen, die unter diesen Voraussetzungen leben?

Wir sind seit der Entstehung des modernen historischen Denkens gewohnt anzunehmen, dass uns nichts Menschliches fremd sei. Wir sind gewohnt zu unterstellen, dass es ein unveränderliches „Wesen“ des Menschen gibt, das sich zwar mit unterschiedlichen Herausforderungen im Wandel der Zeiten konfrontiert sieht und sich darauf mit kulturellen Veränderungen einzustellen weiß, dass es aber anthropologisch „nichts Neues unter der Sonne“ (Prediger 1,9) zu sagen gibt. Auch die Menschen der Antike waren sterblich, sie haben gehasst, geliebt und Schmerz über den Verlust eines Menschen empfunden. Auf der Grundlage dieser Annahme sind wir gewohnt, die Historie zu lesen, auch die biblischen Geschichten zu verstehen.

Es hat aber eine gewisse Schlüssigkeit, diese Annahme angesichts der fundamental sich verändernden gesellschaftlichen Bedingungen in Frage zu stellen. Wie kann der Mensch, der unter den geschilderten Bedingungen der digitalisierten Welt lebt, noch in denselben anthropologischen Kategorien beschrieben werden wie Abraham, der in der Mittagssonne im Schatten seines Zeltes sitzt und drei Engel zu Besuch kommen sieht? 2 Werden sich nicht die Formen der Begegnung Gottes mit dem Menschen verändern – zumindest seine Wahrnehmung der Begegnungen und seine Reflexion über diese Wahrnehmung, mit anderen Worten: Werden nicht Theologie und Anthropologie neu zu buchstabieren sein?


2. Elemente einer systemtheoretischen Beschreibung der digitalisierten Welt

Dieser Beitrag geht von der Vermutung aus, dass das, was mit der Digitalisierung geschieht, so umwälzend ist, dass es nicht reichen kann, die klassischen theologischen Topoi auf Einzelfragen der digitalen Möglichkeiten zu beziehen, etwa wie die Digitalisierung unsere Arbeitswelt oder die Medizin verändert, was daran Chancen und Risiken sind und wie dies vor dem Hintergrund klassischer Modelle der Urteilsbildung einzuordnen ist. Meiner Beobachtung nach geraten theologische Sätze, die unvermittelt auf eine Wirklichkeit bezogen werden, ohne dass diese Wirklichkeit mit einer Theorie analytisch beschrieben wird, zu moralischen Sätzen, die – vereinfacht gesagt – nur die Modi „Emphase“ oder „Entrüstung“ kennen. Deshalb interessiert mich, das Neue grundsätzlicher zu verstehen und unter Anwendung einer Systemtheorie theologisch zu reflektieren. Das anspruchsvolle Ziel, zu dem hier allenfalls erste Schritte getan werden können, ist die Beschreibung von Ansätzen einer Theologie in der digitalisierten Welt.

Dazu ist es erforderlich, einen Schritt zurückzutreten von den Konkretionen und sich zunächst auf eine abstrakte analytische Ebene einzulassen. „Zukunft gewinnt man nur durch Abstraktion.“ Abstraktion eröffnet einen Zugang zur Ebene empirischer Wirklichkeit, der für das Formulieren theologischer Aussagen gebraucht wird. Abstraktion hilft auch, sich von Emotionen zu distanzieren, wie sie beim Anschauen des Krimis und bei dem Erleben mancher Veränderungen unserer Welt unweigerlich auftreten. So kann besser unterschieden werden zwischen emotional-moralischer Wertung und ethisch-theologischer Reflexion.

Zur analytischen Beschreibung der Digitalisierung greife ich auf einen Ansatz aus der Systemtheorie Niklas Luhmanns und seines Schülers Dirk Baecker zurück. Das ist insofern nicht völlig beliebig, als die Systemtheorie zu den prominenten Ansätzen der Sozialwissenschaften der letzten Jahrzehnte gehört. Dennoch: Es wären andere Bezugnahmen auf andere Ansätze möglich. Luhmanns Systemtheorie ist ein Kosmos für sich. Wie alle, die sich auf sie beziehen, stehe ich vor dem Problem, die Bezugnahmen skizzenhaft beschreiben zu müssen, gleichzeitig aber eine umfassende Einführung, für die ein eigenes Buch zu schreiben wäre, schuldig zu bleiben. Das muss die Nachvollziehbarkeit meiner Gedanken aber nicht unbedingt behindern. Denn mein unbefangen-kreativer Umgang mit der Systemtheorie nutzt bestimmte ihrer Perspektiven zum Verständnis einiger Phänomene, ohne deshalb die ganze Theorie bemühen zu wollen. Letztlich ist es eine Art spielerisches Ausprobieren. Ob und wieweit man dies überzeugend findet, wird sich daran entscheiden, ob die daraus resultierenden Gedanken geeignet scheinen, die Gegenwart zu deuten und vertieft zu verstehen.

2.1. Epochen der Menschheitsgeschichte

Luhmann hatte den Vorschlag gemacht, die menschliche Geschichte in Epochen einzuteilen, die an der Evolution technischer Verbreitungsmedien der Kommunikation orientiert sind. Sprache, Schrift und Buchdruck haben die rituell handelnde Stammesgesellschaft, das auf Institutionen und ihren Erzählungen gründende politische Gemeinwesen und schließlich die auf kritische Argumente reagierende Organisation von Staat und Wirtschaft hervorgebracht. Luhmann selbst hatte vermutet, dass die Erfindung des Computers eine eigene Epoche begründen könnte, auch wenn diese Erfindung „ja zunächst nur die Kontrollmöglichkeiten im Sinne des Vergleichs von Informationen mit Gedächtnis nochmals erweitert“.

Dirk Baecker hat herausgearbeitet, dass mit dem Computer ein Gedächtnis gegeben ist, das sich selber an der Kommunikation beteiligt und insofern vom Buchdruck unterscheidet. Er nennt die Epoche des Computers die „nächste Gesellschaft“. Luhmanns These war, dass das Aufkommen des jeweils neuen technischen Verbreitungsmediums insofern eine „Katastrophe“ darstellt, als mit ihm ein „Überschusssinn“ in die Welt kommt, für dessen Nutzung und Bewältigung die Strukturen bisher nicht vorhanden sind. Neue Kulturformen als Antwort auf den neu aufgekommenen Überschusssinn müssen jeweils in einem langen, mühsamen Prozess entwickelt werden und prägen die Kultur der jeweiligen Epoche.

Wir stellen dieses Epochenschema in aller Kürze dar : Die Sprache hat als „Überschusssinn“ die Möglichkeit in die Welt gebracht, Wahres und Falsches zu behaupten. Die Möglichkeit aber, Wahres für falsch und Falsches für wahr zu halten, kann nicht ins Belieben einzelner Kommunikationen gestellt werden, „sondern muss sachlich, sozial und zeitlich kontrolliert werden“.

„Die Katastrophe für die Gesellschaft liegt nicht etwa darin, dass die Menschen jetzt sprechen, sondern sie liegt darin, dass man vorab nicht wissen kann, worüber sie sprechen werden, und darin, dass man jetzt schon weiß, dass dieses Nichtwissen sie nicht davon abhalten wird, trotzdem zu sprechen. Das ist der strukturell bedingte Überschusssinn, der jetzt kulturell bewältigt werden muss.“

Die Kulturform der Stammesgesellschaft, mit der sie den Überschusssinn gestaltet, ist die Grenze, die das Geheimnis ordnet. Das Geheimnis wird von Häuptlingen und Schamanen gehütet. Es werden Grenzen gesetzt, indem Regeln aufgestellt werden, wer mit wem worüber reden, wer was aussprechen oder nicht aussprechen und wer dieses oder etwas anderes für wahr und falsch erklären darf. Die Form der Religion ist in dieser Epoche die Magie. Der Schamane ist derjenige, der in diese Magie eingeweiht ist und sie zum Umgang mit dem Geheimnis verwenden darf.

Spuren dieser Epoche sind auch in der biblischen Überlieferung aufzufinden. Der Sprechakt ist Urform des Schöpfungshandelns Gottes. „Gott sprach“ – so beginnt nach dem 1. Buch Mose die Erschaffung der Welt. Indem der Mensch den Tieren Namen gibt, bewältigt er die Fülle des Lebens, in deren Mitte er sich vorfindet (1. Mose 2, 19 f.). Noch das Johannesevangelium, das selber bereits der Epoche der Schrift angehört, erinnert an die Sprache als Ausgangspunkt des Seienden: „Im Anfang war das Wort“ (Johannes 1, 1). An den kultischen Vorschriften, den Regeln für die Priester und den Hohepriester, an den Vorschriften für das Verhalten im Jerusalemer Tempel lässt sich nachvollziehen, wie die Stammesgesellschaft mit Grenzen des Sagbaren und mit dem Geheimnis, das ihr Gott ist, umgegangen ist und so den Überschusssinn der Sprache bewältigt hat.

Die Schrift hat als „Überschusssinn“ die Möglichkeit in die Welt gebracht, von Zeit und Ort unabhängig zu kommunizieren. Das gesetzgebende Wort gilt auch ohne Anwesenheit des Herrschers und, solange man sich nicht auf die Geltung eines anderen verständigt, auch über seinen Tod und damit über die zeitliche Präsenz einer Person hinaus. Die Kulturform der Schriftgesellschaft ist der Zweck bzw. griechisch das „Telos“. Die Fülle des Gedankenmaterials, das nun unabhängig von örtlicher und zeitlicher Präsenz von Personen zur Verfügung steht, wird geordnet und gerichtet, indem Zwecke bestimmt werden. Über diese Zwecke entscheiden statt Häuptlinge und Schamanen Politiker und Philosophen. Es entstehen die Wissenschaften und eine ausdifferenzierte „Polis“. Es ist dies die Epoche der Schrift und des „sola scriptura“. Die Institution ist die gesellschaftliche Form, die überschüssigen Kräfte der Schrift, ihren Symbolüberschuss zu bändigen. Letztlich entscheiden Institutionen darüber, was gelehrt und geglaubt werden darf. Die Form der Religion ist in dieser Epoche die nach Zwecken hierarchische geordnete, auf einer Schrift gründende Institution.

Auch Spuren dieser Epoche lassen sich in der biblischen Überlieferung auffinden. Die Bezugnahme auf eine Heilige Schrift steht spätestens seit der Rückkehr aus dem babylonischen Exil im Mittelpunkt der jüdischen Religion. Die Evangelien ziehen „Schriftbeweise“ als Beleg für die göttliche Vorherbestimmung des Leidens, Sterbens und Auferstehens Jesu heran. Die frühe Kirche formiert sich anhand der Ausbildung eines Kanons Heiliger Schriften. Diese richtig zu deuten, wird zur zentralen Aufgabe der Institution Kirche.

Der Buchdruck hat als „Überschusssinn“ die Möglichkeit in die Welt gebracht, Schriftliches zeitgleich überall zur Verfügung zu haben und damit vergleichen zu können. Mit dem Vergleichen wird Kritik möglich. Der Kritiküberschuss wird gebändigt durch die Kulturform des unruhigen Gleichgewichts. Dieses Gleichgewicht kann nur hergestellt werden, indem der Kritiküberschuss mit dem Individuum verknüpft wird, das seiner eigenen Vernunft vertraut und in Freiheit mit ihr umgeht. Diese Entdeckung hat Descartes zusammengefasst in seinem „Cogito ergo sum“, „Ich denke, also bin ich“. In der Kulturform des unruhigen Gleichgewichts müssen Vernunft und Freiheit fortlaufend vom Individuum ausbalanciert werden, weil die Institutionen nicht mehr als unhinterfragbare Autoritäten anerkannt werden. Diese individualisierte Vielfalt führt zu einer Verflüssigung der Institution; sie entwickelt sich zur Organisation. Für die Kirche ändert sich damit vor allem ihre Außengrenze: Eintritt und Austritt aus ihrer Organisation werden möglich, Mitgliedschaft entsteht als Begriff, über den nachzudenken ist und für den Regeln aufzustellen sind. Die Innengrenze des Referenzsystems der Kirche, die Programmatik, verändert sich auch. Das Individuum tritt als religiöses Subjekt hervor, aber die Kirche hält daran fest, auf der Schrift gegründete Institution zu sein und zeitunabhängige Dogmen zu vertreten. Die Form der Religion ist in dieser Epoche der Glaube als individuelle Haltung.

Kirchengeschichtlich sind die Spuren dieser Epoche zuerst in der Reformationszeit mit ihren Büchern und weit verbreiteten Flugschriften aufzufinden. Später sind es vor allem die Theologie der Aufklärung und der Pietismus, die den Überschusssinn des Buchdrucks aufgenommen haben. Der Glaube wird individualisiert, es wird diskutiert, es wird Kritik an der Überlieferung und an den Autoritäten geübt, die Autorität einer zentralen Institution wird in Frage gestellt.

Die Computergesellschaft zu beschreiben, erfordert insofern noch mehr hermeneutische Vorsicht und menschliche Demut, als wir selber uns gerade mitten in ihrem Aufkommen befinden und uns sozusagen als Beobachter zweiter Ordnung selber dabei beobachten, wie wir beobachten, mit dem Neuen fertig zu werden. Den Standpunkt eines „neutralen“ Beobachters kann es nicht geben.

Der „Überschusssinn“ des Computers besteht in der Möglichkeit, dass er sich „auf sein eigenes, von außen nicht einsehbares Gedächtnis beruft, während er sich an einer Kommunikation beteiligt, die es bis dato nur und ebenso gedächtnisgestützt mit den Bewusstseinssystemen von Menschen zu tun hatte“. Dabei besteht der Unterschied dieses Gedächtnisses zu dem mit dem Buchdruck gegebenen darin, dass es sich nun selber an der Kommunikation beteiligt, mithin interaktiv ist. Mit seinem Gedächtnis produziert der Computer einen Kontrollüberschuss. Dies ist – wenn man in der von Luhmann angeregten Sprache bleiben will – die „Katastrophe“, die mit der Digitalisierung in die Welt gekommen ist, und auf die – als Antwort – eine neue Kulturform entwickelt werden muss. Das Thema der digitalisierten Welt ist Kontrolle, und zwar von zwei Seiten: Dem Kontrollüberschuss korrespondiert auf der anderen Seite ein Kontrollverlust.

Baecker meint, dass die Kulturform der digitalisierten Welt mit der Figur der „Form der Form“ auf den Begriff gebracht werden kann, die der Mathematiker George Spencer-Brown entwickelt hat. Ich verstehe und verwende im Folgenden „Form der Form“ als Ausdruck dafür, dass es Form nicht mehr als Gestalt, sondern nur noch abstrakt als einzelne Linie gibt, sich mithin dem subjektiven Erleben keine Form mehr anbietet, die das Handeln strukturiert. Das heißt, dass man bei jeder Handlung immer nur die momentane Anschlussfähigkeit zu einer anderen Handlung jenseits einer Linie suchen kann, ohne zu wissen, ob diese Handlung richtig oder falsch ist und ob die Handlung, zu der man den Anschluss sucht, im nächsten Augenblick so noch besteht.

Es ist hilfreich, den Blick auf den Tatort „Level X“ sozusagen als Hintergrundpanorama mitlaufen zu lassen, weil er es ermöglicht, die Abstraktion auf Konkretes zu beziehen. Denn die Dresdner Kommissare erleben genau dies, dass ihnen auf der Ebene der rekursiven Dynamiken keine Strukturen des Handelns zur Verfügung stehen. Es bleibt das unbeirrte, schrittweise Weitermachen, das permanente Ausprobieren von Anschlussmöglichkeiten an andere Handlungen, die sich, noch während sie selber handeln, verändern.

Es ist den Systemtheoretikern bewusst, dass eine solche Epocheneinteilung „gegen so manche historische Sorgfaltspflicht“ verstößt. Ob man ihr folgen will oder nicht, muss sich daran entscheiden, ob sie als Schlüssel zum Verständnis der Geschichte und der Gegenwart taugt.

Die Epochen lösen sich nicht ab, sondern überlagern sich, so dass wir es mit Sedimentschichten zu tun haben, wie sie von der Archäologie erforscht werden. Man kann die Epochen auch mit den verschiedenen Teilen unseres Gehirns vergleichen, in denen sich die Stadien der Evolution abbilden und die uns Reaktionsformen all dieser Stadien bis heute zur Verfügung stellen. So reagieren wir beispielsweise in bestimmten Situationen mit einem muskulären Fluchtreflex, der für unsere Vorfahren lebensrettend sein konnte, der bei uns – im Rahmen einer kontrovers verlaufenden Sitzung – aber zu lästigen Muskelverspannungen führt. Auch in der modernen Buchdruckgesellschaft gibt es magische Rituale und zählt in bestimmten Situationen der Handschlag mehr als ein Wort. Auch in der Buchdruckgesellschaft bestehen Institutionen und Erzählungen fort, und es gilt in Religion und Rechtswesen die Schrift. Auch in der Computergesellschaft braucht es Regeln für den Umgang mit Sprache. Mit dem Aufkommen eines neuen technischen Verbreitungsmediums der Kommunikation fallen alte Welten nicht ins Nichts, sondern: Kommt eine neue Kulturform hinzu, wird die Gesellschaft immer komplexer. Daraus bezieht sie Ressourcen für ihr Handeln.

2.2. Die Realität der Massenmedien

Niklas Luhmann hat in seinem Buch „Die Realität der Massenmedien“ noch die Kommunikation in der Buchdruckgesellschaft, erweitert um das Fernsehen, untersucht. Was er noch nicht kannte, waren die Möglichkeiten der medialen Interaktivität, mit deren Aufkommen erst von Digitalisierung zu sprechen ist. Und dennoch beschreibt er an der Grenze von der Buchdruck- zur Computergesellschaft ein Phänomen, das auch für das Verständnis des Handelns unter den Bedingungen der digitalisierten Welt hilfreich ist. Zunächst definiert er Nachrichten als Unterschiede, die einen Unterschied machen.19 Unterschiede, die keinen Unterschied machen, sind Gleichungen. Die Kommunikation der Massenmedien produziert fortlaufend neue Nachrichten. Es ist überhaupt ihr Wesen, Nachrichten sowie Werbung und Unterhaltung zu produzieren. Dadurch spannen die Medien einen Horizont auf, der nach Fortsetzung verlangt. Massenmedien sind operativ geschlossene Systeme, deren Handeln darin besteht, auf eine Nachricht eine andere folgen zu lassen und so Zukunftsunsicherheit zu produzieren und diese gleichzeitig zu bewältigen. In der Gesellschaft entsteht durch den Nachrichtenhorizont ein kollektives Gedächtnis oder ein gemeinsames Hintergrundwissen, auf das man sich bei seiner eigenen Kommunikation beziehen kann.

Diese sehr abstrakt klingenden Überlegungen lassen sich leicht veranschaulichen, wenn man einige Tage einen beliebigen online-Nachrichtendienst liest. Ob irgendein Interesse daran besteht zu wissen, dass eine Mitarbeiterin von Donald Trump im Oval Office des Weißen Hauses die Füße auf das Sofa gelegt hat, ist vollkommen gleichgültig. Entscheidend ist, dass jemand entschieden hat, diese Nachricht (diesen Unterschied, der einen Unterschied macht) aus der Fülle anderer möglicher Nachrichten auszuwählen. In den folgenden Tagen werden die Seiten damit gefüllt, Nachrichten über diese Nachricht zu produzieren. Geht man diesem Gedanken nach, kommt man dahin zu sagen: Grundsätzlich besteht die ganze öffentliche, medial vermittelte Welt, auf die wir uns in unserem Denken und in der Kommunikation mit anderen beziehen, aus so erzeugten Nachrichten. Es wären andere Nachrichten genauso möglich – und dann lebten wir in einer anderen Welt. „Welt“ hier verstanden als das kollektive Gedächtnis oder Hintergrundwissen, auf das wir uns bei unserer Kommunikation beziehen. Da das Individuum nun nicht wissen kann, welche dieser Nachrichten etwas mit ihm zu tun haben, versetzen sie es in einen Modus ständiger Gespanntheit und Wachsamkeit. Nachrichten sind eine Kette von Irritationen, zu denen das Individuum sich ununterbrochen in eine Beziehung setzen muss, ohne das Geschehen kontrollieren zu können21 . Diese Funktionsweise der Massenmedien hat Folgen:

„In einer Gesellschaft, die die Selbstüberschätzung des modernen Menschen hinter sich lässt und dem Wunder der Komplexität ungeschützt ins Auge blickt, in einer Welt, die von uns geschaffen ist, obwohl sie jedes Vorstellungsvermögen übersteigt, und in einer Zeit, in der alles jederzeit passiert und somit keine Erinnerung und keine Erwartung eine stabile Zuflucht bieten, ist es das fragilste Moment von allen, das die größte Würde enthält, das ,bloße Leben‘...“.

Auch wenn die Nachricht bei Luhmann neben Unterhaltung und Werbung nur eine von drei Formen medialer Kommunikation ist, lässt sich daran exemplarisch sehr schön erkennen, was es bedeutet, in der digitalisierten Welt zu leben: nämlich permanent von Kommunikation affiziert zu werden, zu der man sich verhalten muss, und die – da sie über ein für den Einzelnen nicht einsehbares eigenes Gedächtnis verfügt und zudem schneller handelt, als der Mensch denken kann – einen ständigen Kontrollüberschuss dem Individuum gegenüber produziert.

Es wäre aber verfehlt, auf der Ebene systemtheoretischer Reflexion von Manipulation des Menschen durch die Massenmedien in der Weise zu sprechen, als könnten sie auch anders. Vielmehr wird ein System beschrieben, das ist, wie es ist. Die Systemtheorie beschreibt einen „Effekt der funktionalen Differenzierung der modernen Gesellschaft. Man kann ihn durchschauen, man kann ihn theoretisch reflektieren. Aber es geht nicht um ein Geheimnis, das sich auflösen würde, wenn man es bekannt macht.“

Es geht zunächst also ganz nüchtern um ein Verstehen dessen, was ist.

Auf die Religion bezogen heißt dies: Welches wird die Form der Religion in der digitalisierten Welt sein? Nach Magie, Institution und Glaube – welche Strukturform wird sich entwickeln und werden wir zu entwickeln haben, um Religion in der digitalisierten Welt zu leben?


3. Ansätze zu einer Theologie in der digitalisierten Welt

3.1. Der Tatort „Level X“ als Beitrag zur Themenwoche „Woran glaubst du?“

Zurück zum Tatort „Level X“, einem Beitrag zur ARD-Themenwoche „Woran glaubst du?“. Der Bezug zum christlichen Glauben wird über die Figur einer Pfarrerstochter hergestellt, die Opfer einer Vergewaltigung wurde und nun feststellt, dass ihre Vergewaltigung im Netz zu sehen ist. Ihre Mutter bietet ihr an, eine Kerze anzuzünden. Aber dieser Trost verfängt nicht. Verzweifelt versucht sie, sich das Leben zu nehmen. Die Kommissare können sie in letzter Minute retten. Die Hilflosigkeit der Mutter bringt die Frage auf den Punkt: Was hat der Glaube dem fragilen „bloßen Leben“ anzubieten? Das Handeln der Mutter kann natürlich nicht als vollständige Darstellung der seelsorgerlichen Ressourcen des Glaubens in der Welt vor der Digitalisierung genommen werden. Exemplarisch aber wird daran durchaus etwas deutlich: Eine Kerze anzuzünden, wird niemals verkehrt sein. Es wäre auch möglich, aus der Heiligen Schrift vorzulesen oder dem Gefühl der Beschämung mit kritischer Vernunft zu begegnen. Alle Kulturformen der verschiedenen Epochen stehen grundsätzlich zur Verfügung und stellen als traditionelles Handlungswissen eine bedeutende Ressource dar. Dies ist gegen mögliche Missverständnisse festzuhalten. Aber die Erschütterung, in einer instanten Welt zu leben, in der die nicht kontrollierbare Kommunikation permanent Irritation und Beschämung wie auch Stabilisierung und Bestätigung bereithält, ohne dass ich wissen kann, welches davon als Nächstes eintritt, ist allein mit den traditionellen Ressourcen nicht zu beantworten. Deshalb stellt sich die Frage, ob und wie diese Ressourcen in der digitalisierten Welt ergänzt werden können.

3.2. Die Form der Religion in der digitalisierten Welt
Zunächst ist zu klären, wo der Ort des Religiösen in der digitalisierten Welt zu finden ist. Wenn Religion es mit dem Unbedingten des Lebens, mit dem Zentrum seiner Deutung zu tun hat, ist es schlüssig, den Ort des Religiösen dort zu suchen, wo das Spezifische der Veränderungen in der neuen Epoche geschieht, also dort, wo die Gesellschaft auf den Überschusssinn der Digitalisierung antwortet. Sie tut dies, davon gehe ich in diesem Gedankengang aus, indem sie dem Handeln die „Form der Form“ gibt, also nur noch die Abstraktion von Form, die als Struktur des Handelns nicht erlebbar ist. In diesem unsicheren Prozess, sich mit seinen Handlungen von kommunikativer Anschlussmöglichkeit zu Anschlussmöglichkeit zu tasten, auf dieser Grenze zwischen Wissen und Nichtwissen zu balancieren, mit jedem Handeln zu riskieren, nicht anschlussfähig zu sein – in diesem unsicheren Prozess geschieht die Begegnung mit Gott. Im undurchschaubaren Prozess des Lebens selber wird Erlösung gesucht.

„Sich dieses unabgeschlossenen Prozesses zu vergewissern, wird Inbegriff von
Religion, so unentscheidbar es auch ist, ob sich die mystische Erfahrung am
Internet oder am Heiligen Geist entzündet.“

Mitten im undurchschaubaren Prozess ereignet sich die Begegnung mit Gott, wenn man es mit Luther sagen will: mit dem „Deus absconditus“, dem unter seinem Gegenteil verborgenen Gott. Mitten in diesem Prozess wird auch das Wunder der Komplexität des Menschen erfahren. Mitten in diesem Prozess ereignen sich Scheitern und Gelingen, Kreuz und Auferstehung. Dies kann verstanden werden als das Wirken des Geistes im Prozess.

Das heißt, die „Form der Religion“ in der digitalisierten Welt ist die Offenheit für den Heiligen Geist.

Eine „Theologie in der digitalisierten Welt“ ist nach dem Gesagten eine Theologie, die das fragile Leben unter der Prämisse reflektiert, dass Gott – als der Geist, der sich im undurchschaubaren Prozess des Lebens offenbart – auch dieses Leben hält.

Dagegen kann man einwenden, dass die Offenheit für den Heiligen Geist immer schon zum Glauben dazugehört hat und dass Gott immer schon als der geglaubt wurde, der das – auch früher undurchschaubare – Leben hält. Das ist richtig. Anders wäre ja hier von einer neuen Religion und einem neuen Gott die Rede. Es geht vielmehr darum, dass die Begegnung mit demselben, unveränderten Gott vor dem Horizont des sich verändernden Lebens reflektiert wird. Dies haben auch Generationen vor uns getan, die sich mit den jeweiligen Modernitätsschüben ihrer Zeit auseinandersetzen mussten. Es ist gerade die Herausforderung für die Theologie, das alte Bekenntnis zu wahren und es gleichzeitig so auf die Gegenwart zu beziehen, dass sie dadurch interpretiert wird. Bei diesem Vorgang wird in dem hier vorgelegten Ansatz das Wirken des Heiligen Geistes zu einem Schlüssel der theologischen Interpretation der Wirklichkeit.

3.3. Ein neues Existenzial entsteht: Konnektivität

Das unvermeidliche Eingebundensein des Menschen in die undurchschaubaren Prozesse des Lebens, sein unvermeidliches Eingebundensein in eine Kommunikation, die für ihn nicht kontrollierbar ist, beschreibe ich mit dem Begriff der Konnektivität. Was der Mensch seit der Stammesgesellschaft kannte, war Kollektivität. Kollektivität ließ Regulierung von Nähe und Distanz zu und schuf die dafür erforderlichen gesellschaftlichen Mechanismen. In einem Kollektiv kann ich eine bestimmte Rolle einnehmen oder auch nicht, ich kann mich an Aktionen beteiligen oder auch nicht, ich kann dem Kollektiv das Gesicht zuwenden oder mich von ihm abkehren, gleich welchen Preis dies haben mag. Aber Regulierung ist möglich.

Konnektivität lässt keine strukturelle Distanz und keine Regulierung zu. Sie ist immer da, ist „instant“, sie gebiert ständige Irritation oder Stabilisierung, schafft Zukunftsunsicherheit, beschämt oder beglückt ; sie ist nicht kontrollierbar. Dies hat sehr unterschiedliche Folgen. Wie sie erlebt werden, dürfte von vielen Faktoren abhängen, wesentlich aber davon, in welcher Staatsform man lebt. Aus der Perspektive eines Lebens in der liberalen Demokratie werden Befürchtungen zu nennen sein, überwacht zu werden, die Kontrolle über die eigenen Daten und die Privatsphäre zu verlieren, letztlich an gewohnter Freiheit einzubüßen. Aus der Perspektive eines Lebens unter einer autoritären Herrschaft oder in einer Diktatur lässt Konnektivität einen Freiheitsgewinn erhoffen. Die durch kein Regime zu verhindernde Verbindung von Menschen untereinander in sozialen Netzwerken, der nicht zu verhindernde Informationsfluss hat gesellschaftliche Aufbrüche wie den „arabischen Frühling“ erst möglich gemacht.

Doch für alle Perspektiven gilt, dass es die Konnektivität gibt und dass sie, obwohl vom Menschen geschaffen, einmal vorhanden, nicht mehr aus der Welt zu schaffen ist. Damit wird sie zu einem neuen evolutionären Existenzial des Menschen.

Unterstellt, die hier imaginierte Realität der digitalisierten Welt trifft halbwegs zu; und weiter unterstellt, der systemtheoretische Blick ist geeignet, etwas zum Verständnis dieser Welt beizutragen: Was könnte und müsste eine theologische Reflexion auf diese anthropologische Gegebenheit leisten? Oder schlichter: Was hat der christliche Glaube einem Menschen zu sagen, dem solcherart die Fragilität seines Lebens bewusst wird?

Eine mögliche Antwort kann man sich an dem Beispiel klarmachen, dass es Menschen gibt, die in Panik geraten, wenn sie nicht online sind. Mit unseren bisherigen Kategorien bewerten wir dies und qualifizieren es, etwa als Sucht. Die klassische Reaktion heißt: Wie kann dem Individuum geholfen werden, von seiner Sucht loszukommen? Die Systemtheorie würde sich der Wertung enthalten und könnte verständlich machen: Die Zukunftsunsicherheit in der digitalisierten Welt ist vielleicht besser auszuhalten, wenn ich mich fortlaufend informiere, als wenn ich dies nicht tue, aber davon ausgehen muss, es könnten Nachrichten eintreffen, die für mich von Bedeutung sind. Die Panik, offline zu sein, wäre dann vollkommen rational.

Die Annahme der Konnektivität als eines neu entstandenen Existenzials unterstellt: Mit den digitalen Kommunikationsvorgängen verbunden zu sein, ist in der digitalisierten Welt gegeben und grundsätzlich unvermeidbar. Es gibt keine Möglichkeit, dieser Situation zu entkommen. Das mag bestritten werden, scheint aber nicht unrealistisch zu sein. Der Einführung von Kameras mit Gesichtserkennung im öffentlichen Raum würde sich letztlich niemand entziehen können, es sei denn, man beträte den öffentlichen Raum nicht mehr. Die Umstellung von Bargeld auf Kartenzahlung, wie sie in einzelnen Ländern schon weit vorangeschritten ist, würde die Teilnahme aller Menschen an den digitalen Kommunikationsvorgängen erzwingen, es sei denn, man entschlösse sich zu verhungern.

Unter den Bedingungen von Konnektivität und Instantaneität der digitalisierten Welt wird die kognitive Distanz vermutlich zum wichtigsten, wenn nicht sogar zum einzigen Mittel des Widerstands und der Resilienz. Wir werden unten beim Thema Freiheit und Verantwortung darauf zurückkommen. Es ist also weiter zu formulieren: Der Heilige Geist offenbart sich in den undurchschaubaren Prozessen des Lebens und stärkt und heilt dieses Leben, indem er zu kognitiver Distanz und zu emotionaler Resilienz befähigt.

Menschen dazu zu befähigen bzw. auf dem Weg dazu beizustehen, wird eine Aufgabe der Seelsorge in der digitalisierten Welt sein. Seine eigene Vergewaltigung im Netz zu sehen, wird deswegen nicht weniger furchtbar. Es kann nichts geben, was in dieser Lage wirklich tröstet. Es ist aber möglich, einen Weg kognitiver Distanzierung und emotionaler Stärkung zu gehen.

3.4. Der dreieinige Gott

Was lässt sich aus diesen Überlegungen für die Gotteslehre ableiten? Gott als der, der alles in allem ist, ist auch die Verbindung von allem mit allem. Der Glaube ist Konnektivität mit dem dreieinigen Gott. Die Taufe begründet mit der unverbrüchlichen Zusage der Treue Gottes zum Menschen eine unzerstörbare Konnektivität zwischen Gott und Mensch, aber auch der Menschen untereinander als der Gemeinschaft der Getauften oder, offener formuliert, als der Kinder Gottes.

Sowenig wie das Rechnen mit dem Wirken des Heiligen Geistes ist auch dies neu. Die immer schon geglaubte unverbrüchliche Verbundenheit mit Gott gewinnt in einer Welt, in der die unvermeidliche Verbundenheit mit einem digitalen Netzwerk positiv wie negativ zu einem bestimmenden Faktor des Lebens wird, eine neue Bedeutung, hilft, das Neue zu verstehen und zu bewältigen. Gottes vorlaufende Gnade, mit der er uns schon behütete, ehe wir geboren wurden, handelt „instant“, hat schon Auswirkungen auf unser Leben, bevor wir zu handeln beginnen. Der Mensch wird, verstanden aus der Perspektive des Glaubens, in eine rekursive Stabilisierungsdynamik hineingeboren und wird von Gott in ihr gehalten. Aus dieser Perspektive wird die Konnektivität der digitalisierten Welt durchsichtig für eine Wirklichkeit hinter ihr, von der sie gehalten ist. So kann der Glaube an den dreieinigen Gott ermutigen, die Chancen der Konnektivität zu nutzen und mit ihren Irritationen und Gefahren – weil im Vertrauen auf eine umfassendere Konnektivität mit Gott – gelassen umzugehen.

Ein Leben aus diesem Vertrauen kann Zeugnis sein für das Wunder des Lebens und der Begegnung mit Gott. Der Glaube an Jesus Christus, den Gekreuzigten und Auferstandenen, der mit Vertrauen und Rücksicht, Vorsicht und Behutsamkeit gelebt hat, legt Zeugnis davon ab, dass das fragile Leben in aller Komplexität und Irritation, der es ausgesetzt ist, gehalten ist. Jesu Leben weist hin auf ein Zeugnis, dass es möglich ist, unter allen Bedingungen, also auch unter den Bedingungen der digitalisierten Welt, menschlich zu bleiben.

3.5. Angst und Gnade

Aus der Perspektive reformatorischer Theologie ist nach Angst und Gnade zu fragen. Denn Martin Luther entwickelte seine Theologie der Rechtfertigung des Sünders als Antwort auf die damals verbreitete Angst vor dem strafenden, ungnädigen Gott. Seine Antwort darauf war das Evangelium von der Gnade Gottes, die Jesus Christus am Kreuz für die Menschen offenbar gemacht hat und die deshalb dem an Jesus Christus Glaubenden umsonst geschenkt wird.

Die Angst des Menschen in der digitalisierten Welt lässt sich rein formal zunächst beschreiben als die Angst, keine Kulturform zum Umgang mit dem Überschusssinn des Computers zu finden. Nach dem oben Gesagten können wir auch formulieren: Es ist die Angst, den Anschluss zu verlieren – wenn denn die „Form der Form“ als dem Strukturelement der digitalisierten Welt dies ist, in kleinen Schritten voranzugehen und die Anschlussfähigkeit jedes Schrittes an die mediale Kommunikation zu wagen oder auszutesten. Ganz elementar dürfte es sich um die Angst handeln, orientierungslos zu werden, unterzugehen, nichts zu sagen zu haben, das von anderen als anschlussfähig angesehen wird; aus der Kommunikation der Gesellschaft heraus und damit ins Nichts zu fallen. Das wäre gnadenlos.

Die Gnadenlosigkeit dieser Welt aber wird gebrochen, weil sie Teil einer Konnektivität ist, in der der Mensch mit Gott verbunden ist, mit seiner Gnade, die größer ist als die Gnadenlosigkeit der Menschen. Auch das Nichts ist nicht Nichts, vielmehr ist es – wie mit dem Abstieg Jesu ins Reich der Toten und seiner Auferstehung bezeugt ist – Teil der Schöpfung und gehalten von Gott. Aus diesem Halt gewinnt der Mensch Distanz, Resilienz, Widerstandsfähigkeit für den Umgang mit den Folgen der digitalen Konnektivität, mit ihren faszinierenden Verheißungen ebenso wie mit ihren Katastrophen.

Das Wunder der Komplexität menschlichen Lebens beschert uns Möglichkeiten der Deutung und des Umgangs mit dem Verbreitungsmedium Computer. Es lassen sich Gegenbilder des Lebens beschreiben, die Kräfte gegen den Kontrollüberschuss des Computers wecken. Der ständigen Gespanntheit ob unerwarteter Irritationen ist z. B. gelassenes Vertrauen entgegenzusetzen, der Transparenz Rücksicht; der scheinbar selbsttätigen Kommunikation der digitalen Welt ist Geistesgegenwart entgegenzusetzen.

3.6. Freiheit und Verantwortung

Freiheit und Verantwortung sind neu zu bestimmen. Wenn Freiheit als die Abwesenheit von Zwang beschrieben wird, hat die digitalisierte Welt es leicht, mit dem Versprechen unbedingter Freiheitsattribution aufzutreten. Denn sie zwingt augenscheinlich niemanden, eröffnet aber Freiheitsräume ungeahnter Größe. Das beginnt bei der grundsätzlichen Freiheit, sich mit jedem ebenfalls im Netz kommunizierenden Akteur zu vernetzen; es geht über die schier unbegrenzten Informationsmöglichkeiten, die auch von autoritären Herrschaftssystemen nur bedingt behindert werden können; und sie geht weiter zur persönlichen Freiheit, die beispielsweise ein körperlich eingeschränkter Mensch durch digitale Hilfsmittel beim Lesen, Gehen, Fahren oder bei der Pflege erhalten kann. Überspitzt könnte man sagen: Erst die Netzgesellschaft scheint das Freiheitsversprechen, das in der Buchdruckgesellschaft formuliert worden ist, einzulösen.

Freiheit in der digitalisierten Welt entscheidet sich nicht an der Option Zwang oder nicht Zwang, sondern an den kognitiven, emotionalen und institutionellen Möglichkeiten, auf Distanz zu gehen und der durch die digitale Kommunikation behaupteten Realität Alternativen entgegenzusetzen.

In einem System, das fortwährend Nachrichten produziert, die mich affizieren, das fortlaufend um die Balance von Irritationen und Stabilisierungen ringt, hat – wie wir bereits beobachten können – nicht unbedingt das große Zukunftsversprechen die höchste Überzeugungskraft, sondern das Versprechen, den status quo zu halten. Die Bewahrung der Bedingungen der Möglichkeit, weiter „gut und gerne“ in unserem Land zu leben, scheint das beste aller Zukunftsversprechen zu sein. 30 Freiheit erscheint paradoxerweise auch als die Freiheit, möglichst wenig zu verändern. In diesem System ist dann jedoch, so scheint es, das Kalkül an die Stelle der Vernunft getreten. Das Kalkül fragt danach, wie die Irritationen am besten abgewehrt werden können. Die Vernunft fragt danach, was der status quo für das Leben bedeutet. Verantwortung zu übernehmen, heißt, Vernunft gegen Kalkül zu stellen. Gnade ist materiell dann als die Herrschaft einer auf Liebe gründenden Vernunft zu verstehen, die sich dem Kalkül entgegenstellt.

Verantwortlich zu handeln, heißt, im Regelkreislauf der Kommunikation Steuerung zu übernehmen. Ob eine Irritationsdynamik entsteht oder eine Stabilisierungsdynamik, entscheidet sich nicht anonym im System, sondern am Handeln von Menschen. Die größte ethische Gefahr in der digitalisierten Welt dürfte diejenige sein, die Verantwortung anonymisiert, sie Algorithmen anheimgibt, wie ferngelenkte Zerstörungssysteme, deren Auslöser nicht mehr ein Mensch betätigt.

Der kategorische Imperativ der digitalisierten Welt lautet: „Handle so, dass die Maxime deines Handelns zum Prinzip eines Algorithmus werden könnte.“ Damit bekommt der protestantische Freiheitsbegriff neue Aktualität, die Freiheit nämlich zur Selbstbegrenzung wird aktuell in der vernunftgeleiteten und verantworteten Steuerung der Algorithmen durch den Menschen.

Diese Bestimmungen sind auch auf das Phänomen „künstlicher Intelligenz“ (KI) und „künstlicher neuronaler Netzwerke“ (KNN) anzuwenden. In ihnen geschieht nichts anderes, als dass über eine tendenziell endlose rekursive Dynamik Anpassungen eines Systems an bestimmte Reize erfolgen. So kann ein System lernen, ein Straßenverkehrsschild immer schneller und eindeutiger zu identifizieren und darauf zu reagieren. Allerdings ist bislang nicht erwiesen, dass dieser Vorgang jemals in etwas wie „Bewusstsein“ qualitativ umschlagen könnte. Es gibt auch keine schlüssigen Hinweise darauf. Vielmehr handelt es sich um immer feinere und schnellere Spezialisierungen, die gerade als Spezialisierungen immer anfälliger dafür werden, auf Unvorhergesehenes oder Abweichendes falsch zu reagieren. Die systemtheoretische Beschreibung von KI und KNN trägt zu ihrer Entzauberung bei. Freiheit und Verantwortung sind hier genauso zu bestimmen, wie oben gesagt: Der Mensch bleibt verantwortlich, die Algorithmen zu programmieren und die Systeme zu steuern. Er bleibt verantwortlich für die Selbstbegrenzung in Freiheit, andere vor Schaden zu bewahren. Was dies für die Gestaltung konkreter Politik und des Rechtswesens bedeuten kann, hat das Europäische Parlament in einer Entschließung, die auch eine Charta ethischer Grundwerte im Umgang mit Digitalisierung beinhaltet, beschrieben. Es ist nicht die Frage, ob Freiheit (auch zur Selbstbegrenzung) und Verantwortung in der digitalisierten Welt noch möglich sind. Es ist die Frage, ob die Menschheit gemeinsam den Willen aufbringt, sie zu gestalten.

Es ist der Mensch, der Kontrolle ausübt bzw. sich gegen Kontrolle zur Wehr setzen kann. Zwar ist es richtig, dass dem Menschen insbesondere mit den computer grids, also Netzwerken von Computern, die untereinander selbständig kommunizieren und ihr Wissen verknüpfen, ein Akteur mit einem von außen nicht einsehbaren Gedächtnis gegenübersteht. Es ist aber, wie bei der künstlichen Intelligenz die Frage, ob dies wirklich jemals über die algorithmengesteuerte mechanische Verknüpfung von Daten in „Bewusstsein“ umschlagen kann. Erwiesen ist auch dies bisher nicht. Die Hypostasierung von computer grids – also das Zuschreiben von Personenqualität – kann vielmehr dazu beitragen, die Verantwortung derer, die diese computer grids programmieren, nicht mehr zu sehen.

„Selbst, wenn man im Zuge des emotional turns der künstlichen Intelligenz Gefühle implementieren oder technisch angedeihen lässt, werden diese nicht aus dem Modus der Steuerung in den der Verantwortung überführt werden können. Denn für diesen Modus der Verantwortung sind zwei Aspekte unhintergehbar : das Endlichkeitsbewusstsein des Subjekts ebenso wie sein Ursprungsbewusstsein. Beides entzieht sich – oder muss sich entziehen, wenn es dem Begriff entsprechen soll – jener technischen Machbarkeit, der die künstlichen Systeme unterliegen. Im Ursprung und am Ende unverfügbar zu sein, das ist der Identitätsmarker des freien autonomen Subjekts, nicht aber derjenige eines Autonomen Systems.“

Interessanterweise handeln Science-Fiction-Geschichten wie der Roman „Circle“ von Dave Eggers (2013) davon, dass es im Hintergrund von computergesteuerten Kontrollsystemen Drahtzieher und Profiteure gibt. Was sich anonym gibt, ist so anonym nicht. Es könnte Aufgabe der Kirche sein, zur „Entzauberung“ der Welt auch in dieser Hinsicht beizutragen, Anonymisierungen und Hypostasierungen von Systemen zu durchschauen und die Akteure zu benennen. Wie Dorothee Sölle trefflich formulierte: „Das Böse hat eine Telefonnummer.“

3.7. Geist und Mensch

Während bei oberflächlicher Betrachtung der Eindruck entstehen kann, in der digitalisierten Welt werde der Mensch zunehmend überflüssig, weil ihm Arbeitsvorgänge, ja schließlich sogar intelligenzbasierte Entscheidungen abgenommen werden, nehme ich an, dass in der nächsten Gesellschaft dem Menschen „in seiner einzigartigen Konstitution der Kombination mentaler und sozialer Aufmerksamkeit“ die entscheidende Rolle bei der Steuerung von Systemen und der Übernahme von Verantwortung zukommt. Die komplexen, offenen und ständig auf Irritationen reagierenden Systeme der nächsten Gesellschaft kommen ohne die „mindfulness“ (im Deutschen mit etwas anderer semantischer Konnotation als „Geistesgegenwart“ wiedergegeben) des Menschen nicht aus. In einer theologischen Anthropologie ist diese Geistesgegenwart näher zu beschreiben und in der Konnektivität von Gott und Mensch zu verorten. Der in der vorauslaufenden Konnektivität mit Gott gegründete und gehaltene Mensch lebt geistesgegenwärtig seine Verantwortung für die Menschen und die Schöpfung.

3.8. Die Kirche

Einige Elemente der Kirche in der digitalisierten Welt, in der nächsten Gesellschaft, zeichnen sich ab und lassen sich skizzieren.

Die zentrale Funktion des Menschen mit seiner „mindfulness“ bzw. „Geistesgegenwart“ bei der Steuerung der Prozesse in der digitalisierten Welt, bei der Gestaltung von Freiheit und bei der Übernahme von Verantwortung wird für die Kirche bedeuten, dass sie zu dem Ort institutioneller Widerständigkeit wird, an dem diese Individuen ihre Vernetzung finden, aus der sie kognitive Distanz und emotionale Resilienz schöpfen können.

Mit Widerständigkeit ist nicht digitale Enthaltsamkeit gemeint. Als Teil der digitalisierten Welt wird die Kirche sich der digitalen Medien bedienen und bedienen müssen. In der Reflexion über den Kontrollüberschuss des Computers, über Freiheit und Verantwortung, wird ihr gleichwohl eine entscheidende Rolle zukommen, die sie in ihrem eigenen Umgang mit den digitalen Medien bewähren muss.

Die Kirche in der digitalisierten Welt wird es mit den verschiedenen Schichten der medialen Epochen gleichzeitig zu tun haben. Denn die „Katastrophe der Sprache“ ereignet sich auch künftig, und zwar darin, dass Menschen twittern (oder einen anderen social-media-Dienst nutzen) und dass man vorab nicht wissen kann, worüber sie twittern werden, und darin, dass man jetzt schon weiß, dass dieses Nichtwissen sie nicht davon abhalten wird, trotzdem zu twittern. Die Frage nach Regeln für die Grenzen der Sprache wird nicht obsolet. Auch werden die Frage nach dem Zweck der Dinge und der kritische Diskurs nicht der Vergangenheit angehören. In Zeiten zunehmender Konflikthaftigkeit gesellschaftlicher Diskurse wird die Kirche den dafür notwendigen Diskursraum offenhalten und den Freiheitsimpuls des Evangeliums für die offenen Räume der Gesellschaft fruchtbar machen. So wird sie Expertin für Wort, Schrift und kritischen Diskurs bleiben. Und dennoch wird sie diese Funktion verbinden müssen mit der Offenheit für den Heiligen Geist, der sich in den nicht beherrschbaren Prozessen ereignet.

Die Kirche war immer Kirche des Geistes, ihre Geburtsstunde war die Ausgießung des Heiligen Geistes auf Menschen verschiedener Sprache und Herkunft (Apg 2). Sie wird dies aber auf eine neue Weise werden, und darin liegt „theologische Sprengkraft“:

Diese entzündet sich daran, wie das „sola scriptura“ der Schriftgesellschaft, das in der Buchdruckgesellschaft auch unter den Bedingungen kritischer Methoden gehalten wurde, mit dem „solo spiritu“ – „allein durch den Geist“ – der Netzwerkgesellschaft vermittelt wird. Man kann nach den Erfahrungen der Buchdruckgesellschaft mit ihrem heiklen Verhältnis von „sola scriptura“ und kritischer Vernunft ahnen, dass die Vermittlung mit dem „solo spiritu“ nicht leicht wird. Letztlich geben schon die Diskussionen der Reformationszeit Hinweise hierzu. Denn einerseits wird zwar in den Bekenntnisschriften festgehalten, dass der Geist weht, wo er will:

„Um diesen Glauben zu erlangen, hat Gott das Predigtamt eingesetzt, das Evangelium und die Sakramente gegeben, durch die er als durch Mittel den Heiligen Geist gibt, der den Glauben, wo und wann er will, in denen, die das Evangelium hören, wirkt, das da lehrt, dass wir durch Christi Verdienst, nicht durch unser Verdienst, einen gnädigen Gott haben, wenn wir das glauben.“

Andererseits gab es ein tiefes Misstrauen gegenüber eben diesem Wehen, weshalb all jene reformatorischen Bewegungen, die sich auf das Wirken des Geistes beriefen, als „Schwärmer“ gebrandmarkt und aus der Geschichte der Reformation hinausgedrängt wurden und der Geist streng an das Wort der Schrift gebunden wurde: „Und es werden die verdammt, die lehren, dass wir den Heiligen Geist ohne das leibhafte Wort des Evangeliums durch eigene Vorbereitung, Gedanken und Werke erlangen.“

Dem Wehen des Geistes zu vertrauen, wird vielleicht die größte Herausforderung der Kirche in der digitalisierten Welt.

Die dadurch aufgeworfene Frage ist die nach der Bestimmbarkeit des Religiösen. Wenn dem Menschen bei der Steuerung und der Kontrolle digitaler Systeme eine entscheidende Rolle zukommt und wenn die Kirche dazu beiträgt, kognitive Distanz und emotionale Resilienz bereitzustellen, wird sie sich – nach wie vor – auf Werte berufen müssen. Unter den alleinigen Bedingungen der „Form der Form“ wird dies schwerlich gelingen, weil diese Form ständig ihre eigene Negation mitdenken muss. Darin zeigt sich das Recht der Skepsis gegenüber einem an nichts gebundenen Heiligen Geist. Die drei „Sola“: sola fide, sola gratia und sola scriptura sind nach klassischer Lehre bezogen auf das solus Christus. In diese Formation ist das „solo spiritu“ einzutragen und ebenso auf das solus Christus zu beziehen. Das Leben Jesu, wie es die Evangelien bezeugen, wird bleibend Grundlage ethischer Urteilsbildung sein, weil Jesus – trotz der vollkommen anderen Konkretionen, mit denen er es zu tun hatte – Menschlichkeit gelebt hat und durch sein Sterben und Auferstehen bezeugt ist, dass Menschlichkeit stärker ist als der Tod. Dahinter wird keine theologische Ethik zurückgehen.

Wie wird der Gottesdienst einer Kirche in der nächsten Gesellschaft aussehen? Baecker meint, er wird „mitreißendes Erlebnis einer durchkalkulierten Massenunterhaltung, wie es die Großkirchen Amerikas vorführen, und er wird Stille, zu der man sich kaum noch fähig glaubt“. Das hieße, dass die Pfingstkirchen am besten auf die neue Epoche vorbereitet wären. Vielleicht aber kommt es anders, weil gerade die so prekäre „Form der Form“ es sinnvoll erscheinen lässt, auf formale Ressourcen der früheren Epochen zurückzugreifen, die Halt versprechen.

Auf jeden Fall wird es erforderlich sein, die Unterscheidung von „real“ und „virtuell“ in Bezug auf kirchliche Formen zu reflektieren. Sind Netzgemeinden „nur virtuell“? Ist das geistliche Leben der in ihnen beheimateten Menschen anders – und potentiell geringer – zu werten als das geistliche Leben in den „realen“ Kirchengemeinden? Werden „Netzgemeinden“ eine Struktur neben oder in der organisationalen Struktur der Kirche bilden? Hier bleibt ein Desiderat der Ekklesiologie, ihre abstrakten dogmatischen Wesensbestimmungen von Kirche mit der soziohistorisch gegebenen Gestalt zu vermitteln. Das wird auch eine Reflexion des Begriffs der Mitgliedschaft erfordern. Denn die Mitglieder von Netzgemeinden werden per se vom herkömmlichen Mitgliedschaftsrecht nicht erfasst.

Die Beziehungen in der Kirche werden sich verändern. Ilona Nord hat darauf hingewiesen, dass es gerade vom reformatorischen Standpunkt aus nicht schlüssig ist, unmittelbar personale und in dem Sinne authentische Beziehungen als einzige zu favorisieren. Denn gerade die reformatorische Theologie weiß um die Sündigkeit des Menschen und damit auch um die Verfehlbarkeit authentischer Kommunikation. Es kann auch von Angesicht zu Angesicht gelogen werden. Es ist deshalb durchaus denkbar, die Einteilung von „real“ und „virtuell“ und die damit verbundene Wertung von „authentisch“ bzw. „unecht“ zu verlassen und in der Kirche auf ein breiteres Spektrum möglicher Beziehungsformen zu setzen.

Die Kirche benötigt für ihre Rolle eigene Geistesgegenwart. In der Systemtheorie heißt es, dass der „mindfulness“ des Menschen eine „technology of foolishness“ – also etwa eine „Kunst der Torheit“ auf organisationaler Ebene entspricht. Das Wirken des Geistes braucht Raum, der die Abläufe organisationalen Handelns sprengt. Es liegt fast auf der Hand – wenn man Beziehungen zwischen dem Kreuzestod Jesu und der Torheit im Hintergrund sieht (1 Kor 2) – dass die Kirche für ihre so beschriebene Rolle in der digitalisierten Welt die allerbesten Voraussetzungen mitbringt. Gerade sie – und vielleicht sogar nur sie – kann ihre Rolle mit ihrer programmatischen Identität begründen. Sie wird dann allerdings stärker auf die Systeme einfacher Interaktion, wie sie z. B. in den Ortsgemeinden vorhanden sind, und auf die entstehenden Netzgemeinden setzen müssen als auf die betriebs- wirtschaftlich organisierte Handlungsebene. Die organisationale Ebene wird sich verflüssigen, weil es eine Vielfalt von Gemeindeformen, real und virtuell und beides gleichzeitig, geben wird, die alle gebraucht werden. Die Gesamtkirche (hier gemeint als Landeskirche oder Zusammenschluss von Landeskirchen) wird die Aufgabe haben, diese Vielfalt als Netzwerk zu gestalten.

Während die alten betriebswirtschaftlich orientierten Organisationsmodelle von langfristiger Planung und dem Grundsatz „erst Denken, dann Handeln“ lebten, stehen Institutionen und Organisationen in der nächsten Gesellschaft vor der Aufgabe, erst zu handeln und dann zu denken – und gerade damit erfolgreich zu sein. Diese provozierende Beschreibung hat allemal insofern ihr Recht, ja ihre Notwendigkeit, als die Rekursivitätsdynamiken in den Prozessen der digitalisierten Welt derartig schnell werden, dass sie den linearen Zeitverlauf außer Kraft zu setzen scheinen, weil sie die physische Reaktionsgeschwindigkeit des Gehirns unterlaufen. Mindestens deswegen wird es dazu kommen, dass die Kirche – wie andere Organisationen auch – handeln wird, bevor sie ihr Handeln vollständig verstehen kann – weil ihr gar nichts anderes übrigbleibt. Anders als andere Organisationen kann sie aber sagen, dass sie damit bei ihrer eigentlichen Weisheit ist, der Botschaft vom Kreuz als einer Torheit vor den Menschen.

Die Kirche nimmt ihre Rolle, als Trägerin von Verantwortung für das Leben einzutreten, gerade darin wahr, dass sie „geistesgegenwärtig“ und in Ausübung ihrer „Kunst der Torheit“ den permanenten Irritationen eine Stabilisierungsdynamik entgegensetzt, die die Irritationen nicht durch das beste Kalkül abwehrt, sondern es paradoxerweise möglich macht, mit den Irritationen zu leben, ihnen Widerstandsfähigkeit (Resilienz) entgegenzusetzen und darin menschlich zu bleiben. Damit legt sie Zeugnis der Liebe ab, wie sie in Jesus Christus in die Welt gekommen ist und von ihm gelebt wurde.


4. Schluss

Die hier vorgetragenen theologischen Anschlüsse an analytische Bschreibungen der Systemtheorie zur digitalisierten Welt beanspruchen nicht, sich zwingend herzuleiten. Es sind assoziative und kreative An- schlüsse auf der Suche nach einer Theologie, die in der Lage ist, die Wirklichkeit, in der wir leben und in der wir leben werden, so zu reflek- tieren, dass darin Gotteserfahrungen, Erlösungshoffnung und Verant- wortung des Menschen in der Welt zur Sprache kommen. Dagegen wird man manches einwenden können. Ich bin aber überzeugt, dass wir ohne solche kreativen Versuche uns theologisch mit dem Neuen nicht werden auseinandersetzen können. Zum Schluss noch einmal zurück zum Tatort: Wie die meisten Krimis geht er gut aus. Die Ermittler überführen den Täter. Wie gelingt ihnen das, wenn ihnen doch so der Boden unter den Füßen weggezogen wird? Sie weisen eine bemerkenswerte Widerstandsfähigkeit gegen Irritationen und Beschämungen auf und machen einfach verlässlich ihre Arbeit. Dass sie dies können, hat auch damit zu tun, dass ihnen Ordnungsstrukturen zum Umgang mit Geheimnissen aus der Stammesgesellschaft, Zweckordnungen der Schrift- und die kritische Vernunft der Buchdruckgesellschaft zur Verfügung stehen. Es gelingt ihnen, diese auch unter den Bedingungen der digitalisierten Welt zur Geltung zu bringen. Mit Erfolg. Wie beruhigend.


Attempt at a Theology for a Digital World. Every new technical medium of distri- bution creates a surplus of meaning which has to be captured in new forms of culture. This also challenges religion to develop appropriate [new] forms. The article seeks to offer a new theological approach to interpreting a world existing under conditions of instantaneous, constant digital connectedness. A new openness for the Holy Spirit can create space for interpreting the God experienced among the non-transparent processes of the digital world. What does this mean for the role of the church and for understanding freedom and responsibility vis-à-vis intelligence-based digital processes?

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Christlicher Glaube in Zeiten digitaler Kommunikation