Christlicher Glaube in Zeiten digitaler Kommunikation

Erschienen in Zeitschrift für Evangelische Ethik, 62. Jg., 2018

1. Von Nullen und Einsen – und den Folgen

Am Anfang sind Nullen und Einsen. Binärcodes sind nicht neu. Ein bekannter Code dieser Art ist das Morse-Alphabet, das mit zwei verschiedenen Impulsen auskommt, z.B. einem kurzen und einem langen Lichtzeichen. In der Mitte des 20. Jahrhunderts wurden – maßgeblich beeinflusst von dem US-amerikanischen Mathematiker Claude Shannon – Binärcodes in die elektronische Informationstechnologie eingeführt. Die im Laufe der Zeit entwickelten Programmiersprachen beruhen auf der Zuweisung von Nullen und Einsen zu Zahlen, Buchstaben oder Zeichen. Um nun nicht für alle denkbaren Begriffe eine jeweils eigene Abfolge von Nullen und Einsen kreieren zu müssen, fasst man bestimmte Folgen zu Codes zusammen, aus denen man neue Codes formt. Am Beispiel des Morse-Alphabets lässt sich dies einfach nachvollziehen: Statt jedem denkbaren Begriff einzeln eine Abfolge von kurzen und langen Lichtzeichen zuzuweisen, was das Erlernen der Sprache außerordentlich schwierig machen würde, werden die Lichtzeichen zu 26 Codes, nämlich den Buchstaben des Alphabets, zusammengefasst, mit denen sich alle denkbaren Begriffe darstellen lassen.

Für den hier vorgelegten Gedankengang ist entscheidend, dass die Zuweisung beliebig ist. Ich kann – wenn ich ein schwarz-weißes Bild programmieren will – die Null ebenso gut der Farbe weiß wie der Farbe schwarz zuordnen. Für die Kommunikation ist nichts anderes erforderlich, als dass ich dies tue und dabei beobachtet werde. Es gibt keine ontologisch oder anders als zwingend anzusehende Verbindung zwischen der Ziffer und der mit ihr bezeichneten Farbe. Der Beobachter – wir nennen ihn Beobachter 1. Ordnung, da wir es nachher mit Beobachtern höherer Ordnungen zu tun haben werden – beobachtet die Zuweisung und versteht die mitgeteilte Information. Dieser schlichte Vorgang hat Folgen. Denn an die Stelle der alten Leitdifferenz wahr/ falsch tritt nun die Leitdifferenz »eigene Beobachtung«/ Fremdbeobachtung. Weil es eine andere Verbindung als die beliebige Zuweisung zwischen dem Zeichen und dem Bezeichneten nicht gibt, läuft die Frage nach wahr/falsch ins Leere bzw. endet an der Grenze dessen, was sich beobachten lässt. Die These ist: Die kommunikativen Probleme mit der Leitdifferenz wahr/ falsch, die unserer Gesellschaft derzeit zu schaffen machen, lassen sich zurückverfolgen zu dem Grundprinzip und Anfang aller digitalen Kommunikation: Der beliebigen Zuweisung von Nullen und Einsen zu Gegenständen, Sachverhalten oder Begriffen. Während ontologische Systeme annehmen, zwischen Sein und Nichtsein unterscheiden zu können, die Aufklärung sich auf ein Vernunftinteresse als gemeinsamen Haltepunkt von Kommunikation bezog und die Transzendentaltheorie ein allgemeines Apriori der Subjektheit unterstellte, beruht die Kommunikation mit dem Binärcode der Nullen und Einsen allein auf der Beobachtung von Kommunikation, d.h auf Anschauungswissen. Es gilt, die Funktionsweise dieses autopoietischen, geschlossenen Systems zu untersuchen.

Dabei ist zu berücksichtigen, dass der Beobachter in der Regel nur die Oberfläche des Programms sieht, während die Zuweisung der Nullen und Einsen zu den auf der Oberfläche sichtbaren Zeichen im Hintergrund geschieht. Es wird hier denn auch keine ontologische Verbindung dieser Ebenen behauptet. Die Beschreibung der Kommunikation, die auf der Programmoberfläche ansetzt, muss ihre Schlüssigkeit unabhängig von diesem Hintergrund erweisen. Die Tatsache, dass die Ersetzung der Leitdifferenz wahr/falsch durch die Leitdifferenz »eigene Beobachtung«/Fremdbeobachtung in der Welt digitaler Kommunikation zu einem flächendeckenden Phänomen geworden zu sein scheint, macht es interessant zu fragen, ob dies schon am Entstehungsort dieser Welt angelegt ist und in ihren realen Ausgestaltungen Entsprechungen findet, die zwar nicht ontologisch zwingend, aber im Sinne eines Charakteristikums auch nicht zufällig sind. Die Schlüssigkeit dieses Gedankens entscheidet sich letztlich darin, ob er einen Beitrag zum Verständnis der Welt leistet, in der wir leben.

Kommunikation konstruiert Realität, indem sie zwischen Selbstreferenz und Fremdreferenz unterscheidet. Ein beliebiges System, z.B. ein menschliches Bewusstsein, denkt einen Gedanken. Es hat damit eine Differenz erzeugt, denn es wären andere Gedanken möglich, die dieses System nicht gedacht hat. Intern, d.h. im System, erscheint die Differenz als eine Unterscheidung, die einen Unterschied macht. Als solche kann sie über die Grenze System/Umwelt nach außen kommuniziert werden. Der Adressat beobachtet diese Unterscheidung und versteht sie, sofern sie sich auf ihm bekannte andere Unterscheidungen beziehen. Der Gedanke »Nachts ist es kälter als draußen« ist unverständlich, weil er sich nicht auf bekannte Unterscheidungen beziehen lässt. Für das System ist der Gedanke selbstreferentiell. Für den Adressaten ist er fremd-referentiell. Kommunikation konstruiert Realität, indem ein Beobachter/die Umwelt das System beim Bezeichnen einer Unterscheidung beobachtet. Die so generierte Unterscheidung ist eine Nachricht.

Der Adressat bezieht die Unterscheidung auf ihm bekannte Unterscheidungen – die er als Anschauungswissen aus vorangegangen Kommunikationen gewonnen hat. Kommunikation bezieht sich auf Kommunikation, anders könnte sie keine Kommunikation sein; jedenfalls keine, die ein Verstehen ermöglicht. Und andersherum: Kommunikation generiert Kommunikation, anders könnte sie keine Kommunikation sein; jedenfalls keine, die eine relevante Mitteilung für einen Adressaten enthält, zu der er sich verhalten muss. Der erkenntnistheoretische Horizont, der hier gezeichnet wird, setzt an die Stelle ontologischer Annahmen oder des Kantschen Apri-ori und seiner Anschauung in den Kategorien von Raum und Zeit die Kommunikation als die Kategorie, in der allein Anschauungswissen von der Welt zu gewinnen ist. Deshalb gilt: Was wir wissen, wissen wir durch Kommunikation. Und wie wir es wissen – und das heißt auch: wie sicher wir es wissen – wird durch die Bedingungen der Kommunikation bestimmt. In dem so gezeichneten Horizont ist die Leitdifferenz der Erkenntnis: »meine Beobachtung/Fremdbeobachtung«, weil Anschauungswissen anders als in diesen beiden Perspektiven nicht zu gewinnen ist. Die Existenz einer Welt »draußen« wird dabei vorausgesetzt; anders könnte es ja die Differenz von System/Umwelt nicht geben. Aber die Welt »draußen« ist nicht unmittelbar zugänglich. Was uns zugänglich ist und was wir als Welt und Wissen erleben und erfahren, ist die Welt, wie sie Kommunikation nach ihren Bedingungen konstruiert. Die Wissenschaft mag glauben, ihr Wirklichkeitskonstrukt besitze eine authentische Realitätserkenntnis. Doch auch sie vergleicht damit nur die eigene Konstruktion mit anderen.

Mit der Produktion von Nachrichten spannt Kommunikation einen Horizont selbst erzeugter Ungewissheit auf. Nachricht bezieht sich auf Nachricht. »Da das Individuum nun nicht wissen kann, welche dieser Nachrichten etwas mit ihm zu tun haben, versetzen sie es in einen Modus ständiger Gespanntheit und Wachsamkeit. Nachrichten sind eine Kette von Irritationen, zu denen das Individuum sich ununterbrochen in eine Beziehung setzen muss, ohne das Geschehen kontrollieren zu können«. Gleichzeitig ermöglicht die anschließende Kommunikation die Bewältigung dieser Irritation, indem Fragen sich klären können oder Angriffen eine Antwort entgegengesetzt werden kann.

Die elektronische Kommunikation der Massenmedien Rundfunk und Fernsehen funktioniert nach demselben Muster, aber durch ihre Reichweite, Geschwindigkeit und Informationsfülle steigern die Massenmedien »die Irritierbarkeit der Gesellschaft und dadurch ihre Fähigkeit, Informationen zu erarbeiten. Oder genauer: Sie steigern die Komplexität der Sinnzusammenhänge, in denen die Gesellschaft sich der Irritation durch selbstproduzierte Differenzen aussetzt.« Für diesen autopoietischen Vorgang gibt es, wie für alle autopoietischen Vorgänge, »weder ein Ziel noch ein natürliches Ende«.

Da – wie gezeigt – die Irritationen sich nicht auf die Leitdifferenz wahr/falsch beziehen und an ihr Halt finden können, sondern sich alleine auf die Leitdifferenz von »eigene Beobachtung«/ Fremdbeobachtung stützen können, um das Anschauungswissen auf seine Tauglichkeit zu überprüfen, kommt es zur Individualisierung von Kommunikation, die pathologische oder fundamentalistische Formen annehmen kann. Das kommunizierende Individuum kann Fremdbeobachtungen als krank oder interessengeleitet verdächtigen, hat aber auch zur Behauptung der eigenen Position keine andere Möglichkeit als die, sich auf die »eigene Beobachtung« zu berufen. Vor diesem Hintergrund »wird auch verständlich, weshalb sich unter diesen kommunikativen Bedingungen Fundamentalismen aller Arten entwickeln. Man kann hervortreten mit der Aussage: Dies ist meine Welt, dies halten wir für richtig. Der Widerstand, auf den man dabei stößt, ist dann eher noch Steigerungsmotiv, er kann radikalisierend wirken, ohne dass dies zu Realitätszweifeln führen müsste. Und im Unterschied zum ›Enthusiasmus‹ älterer Bauart braucht man weder auf göttliche Inspiration zu setzen noch sich der Gegenbehauptung auszusetzen, dies sei eine Illusion. Es genügt, die eigene Realität mit der eigenen Identität zu verschweißen und sie als Projektion zu behaupten. Weil Realität ohnehin nicht mehr konsenspflichtig ist.«

Von digitaler Kommunikation sprechen wir ab dem Augenblick, in dem die elektronische Verbreitungstechnik interaktive Kommunikation möglich macht. Der »Überschusssinn«, der mit dem Computer und seiner interaktiven Beteiligung an der Kommunikation in die Welt getreten ist, ist der Kontrollüberschuss bzw. der Kontrollverlust, der dadurch entsteht, dass mit dem Computer erstmals ein Akteur an der Kommunikation beteiligt ist, der über ein eigenes, von außen nicht einsehbares Gedächtnis verfügt und der kein menschliches Bewusstsein ist. Wie nach dem Aufkommen jeder neuen Verbreitungstechnik von Kommunikation (Sprache, Schrift, Buchdruck) muss die Gesellschaft auch die digitale Technik und ihren Überschusssinn mit der Entwicklung einer neuen Kulturform bewältigen.

Bezogen auf den hier aufgezeigten Gedankengang der Konstruktion von Realität durch Kommunikation bedeutet der Eintritt von Interaktivität in das massenmediale Kommunikationsgeschehen quantitativ eine Steigerung von Umfang und Geschwindigkeit sowie qualitativ eine Potenzierung des Kontrollüberschusses und seiner Kehrseite, des Kontrollverlustes. Die Interaktivität ermöglicht und bewirkt eine Rekursivitätsdynamik, in der die Akteure in Echtzeit miteinander kommunizieren. Das so entstehende Phänomen ist Instantaneität, d.h. dass die Reaktionen auf mein Handeln schon da sind, noch bevor mein Handeln abgeschlossen ist. Dadurch dass die Geschwindigkeit der Kommunikation und ihrer Rekursivitätsdynamiken das menschliche Wahrnehmungsvermögen unterlaufen, entsteht der Eindruck, die Linearität der Zeit sei aufgehoben, es geschehe alles gleichzeitig, im selben Augenblick, also instantan. Die alleinige Möglichkeit, Aussagen auf die Leitdifferenz »eigene Beobachtung«/Fremdbeobachtung zu beziehen, potenziert die Irritation in der instantanen Welt in einer Weise, die sowohl als faszinierend wie auch als bedrohlich empfunden wird.

Kein System kann ohne ein Gleichgewicht der Kräfte existieren. Ein System, in dem es ausschließlich Steigerung von Irritation gäbe, bräche augenblicklich zusammen. Es muss also eine Zwei-Seiten-Differenz von Irritation/Stabilisierung geben. Die Stabilisierung geschieht scheinbar paradox dadurch, dass gerade die Steigerung von Irritation dem autopoietischen System Stabilität gibt. Denn gerade die Irritation, die eine Nachricht verursacht, macht es erforderlich, weitere Nachrichten an die erste Nachricht anzuschließen, ermöglicht also den Bestand des Systems.

Wenn dies eine zutreffende Beschreibung von Wirklichkeit ist, wird ersichtlich, dass nicht die Trumps, Putins und Erdogans dieser Welt das Problem sind, sondern dass sie Symptom oder besser: Funktion eines Systems sind, das ist, wie es ist. Es kann deshalb auch nicht darum gehen, die in unserer Gesellschaft zu beobachtenden Vorgänge und Verunsicherungen – etwa in Form eines Hypes oder kulturpessimistisch – zu bewerten. Das wäre genauso verfehlt, wie es verfehlt ist, die Tatsache zu bewerten, dass wir Sauerstoff atmen müssen. Die Beschreibung des Systems enthüllt kein Geheimnis, das sich durch seine Enthüllung verändert. Das aber heißt: Wenn das System digitaler Kommunikation ist, wie es ist, ist die Erwartung, die Steigerung von Irritationen und die Zunahme von »Fake news« und von beliebigen Behauptungen als Tatsachen werde alsbald wieder abnehmen, unrealistisch. Ganz im Gegenteil wird sich die Steigerungsdynamik, solange die beschriebenen Bedingungen digitaler Kommunikation bestehen, weiter erhöhen und potenzieren. Gleichzeitig wird das Gesamtsystem sich so einrichten, dass es dadurch stabilisiert wird. Die Frage ist, wie dies geschieht und welche Folgen es für die Menschen hat.

Natürlich kann es sein, dass auf einen Donald Trump ein US-amerikanischer Präsident folgt, der uns vernünftiger erscheint und mit der Wahrheit stärker an den uns gewohnten Kriterien orientiert umgeht. Das bedeutet aber nur, dass es Wellenbewegungen gibt auf einer Linie, deren Verlauf auf systemischen Voraussetzungen und Funktionsweisen beruht und die aufs Ganze gesehen einer Steigerungsdynamik folgt, in der Irritationen und die Dauerunruhe in der Gesellschaft zunehmen werden und in der die Notwendigkeit, die Zwei-Seiten-Referenz Kontrollüberschuss/ Kontrollverlust mit einer neuen Kulturform zu bewältigen, immer dringlicher werden wird.

Auf diesem Weg lassen sich verschiedene Szenarien denken: 1. Die Steigerung führt zum Kollaps, weil die Spezies Mensch mit ihrem Bewusstsein, das sich in so kurzer Zeit nicht unbegrenzt anpassen kann, irgendwann so überfordert ist, dass sie erschöpft zusammenbricht. Das widerspricht nicht dem Gesetz von der gleichzeitigen Stabilisierung des Systems. Denn es ist sehr wohl möglich, dass der Faktor Mensch dem System nicht gewachsen ist. In einem 2. Szenarium setzen die Menschen, um den Kollaps abzuwenden, auf eine autoritäre Dystopie, die – so nachteilig sie sein mag – immer noch als das kleinere Übel gegenüber dem drohenden Kollaps empfunden wird. In einem 3. Szenarium gelingt es, Kulturformen der Bewältigung des Überschusssinns der digitalen Verbreitungstechnik von Kommunikation zu entwickeln. Angesichts der beiden ersten, vermutlich den meisten Menschen in der westlichen Welt nicht sehr attraktiv erscheinenden Möglichkeiten, lohnt es, sich hierüber Gedanken zu machen. Für die Theologie ist damit die Aufgabe markiert, dieses Geschehen anthropologisch und im Blick auf die Funktion von Religion als »religio«, also als Rückbindung an etwas Unbedingtes, das wir annehmen, zu durchdenken.

2. Das Individuum in der digitalen Welt

Aus dem vorgelegten Gedankengang lassen sich Folgerungen für das Individuum und die Gesellschaft ableiten. Zunächst lenken wir den Blick auf das Individuum.

Das Individuum kommt in unserem Gedankengang vornehmlich als kommunizierendes Wesen in den Blick. Es ist zugleich Erzeuger und Beobachter von Kommunikation – der Mitteilung von Nachrichten (also von Unterschieden, die einen Unterschied machen) – und Verarbeiter von Kommunikation, in dem es die beobachteten Unterschiede auf ihm bekannte Unterschiede bezieht und auf diese Weise versteht. Das Individuum reagiert darauf mit neuer Kommunikation, die von anderen Individuen beobachtet wird. So entstehen Beobachter 2., 3. und n. Ordnung. Jede Kommunikation geschieht in der digitalen Welt über die Herstellung und Verbreitung von Daten. Als Teilnehmer von Kommunikation ist das Individuum über seine Daten chiffrier- und dechiffrierbar.

Der aufgeklärte Liberalismus, wie er sich in Europa im 17. und 18. Jahrhundert entwickelt hat, geht davon aus, dass das Individuum 1. einen nicht weiter aufteilbaren Wesenskern hat (deshalb Individuum = das Nicht-Aufteilbare), 2. als Subjekt frei über sich verfügt und 3. alleine über sich selbst Bescheid weiß (»Cogito ergo sum« – Ich denke, also bin ich. Dieser Vorgang ist unvertretbar durch andere). Diese Grundlagen des liberalen Verständnisses von Individualität werden durch die Digitalisierung in Frage gestellt.

Wie bekannt und vielfach beschrieben führt die Verarbeitung des Datenmaterials der Individuen durch Algorithmen dazu, dass diejenigen, die über die Daten verfügen und die Algorithmen steuern, schon heute einzelne Sachverhalte, die das Individuum betreffen, wissen können, die das Individuum selber (noch) nicht weiß. Die New York Times brachte 2012 folgende Anekdote in Umlauf: Einer jungen Frau wurden von einem Online-Shop Schwangerschaftsprodukte angeboten, obwohl ihr nicht bewusst war, schwanger zu sein. Der Algorithmus hatte aus Veränderungen ihres Einkaufs- und Ernährungsverhaltens bereits geschlossen, dass sie schwanger sein müsse. Und so war es. Ein Individuum, das über seine Daten von einem von außen nicht einsehbaren System, das über ein eigenes Gedächtnis verfügt, chiffrier- und dechiffrierbar ist, ist nicht mehr unteilbar. Dabei mag man an das Auftreten Einzelner unter verschiedenen Namen und Identitäten im Netz denken, einmal mit Klarnamen, einmal als Avatar oder anderes. Man mag auch an die düstere Phantasie Joanne K. Rowlings denken, die in ihren Harry-Potter-Romanen den Bösewicht, Lord Voldemort, seine Seele in sieben Stücke reißen und sie in sieben Gegenständen (so genannten »Horkruxen«) an sieben verschiedenen Orten verstecken lässt. So macht er sich nahezu untötbar, da man alle sieben Horkruxe zerstören muss, um seine Seele zu töten.

Doch der hier gemeinte Vorgang ist subtiler als solche oberflächliche Identitätsspaltung, die – soweit es Phantasie-Identitäten im Netz angeht – auch aus Spielerei geschehen und von einem freien Subjekt gestaltet werden kann. Die Verwandlung des Individuums zum Dividuum geschieht systemisch und unfreiwillig, indem das Individuum als kommunizierendes Wesen zum Beobachter und Beobachteten in tendenziell unbegrenzter Potenzierung wird und mit jeder Kommunikation Daten produziert, die von Algorithmen gelesen und verarbeitet werden. Natürlich war es auch früher möglich, dass Wissen über ein Individuum außerhalb seiner selbst vorhanden war: Der Arzt wusste mehr über den Patienten, als dieser selbst und teilte es ihm mit. Neu ist, dass dieses Wissen Teil eines an der Interaktion beteiligten von außen nicht einsehbaren Gedächtnisses ist, das nicht zugleich ein menschliches Bewusstsein ist.

Was hier beschrieben wird, ist keine Utopie oder Dystopie, sondern schon heute Realität. Vielleicht hat die Dauerunruhe, die in der Gesellschaft zu verzeichnen ist, etwas mit diesen untergründigen Veränderungen von Individualität zu tun. Es soll auch keineswegs geleugnet werden, dass diese irritierenden Veränderungen faszinierend sein und Lust am Spiel mit den Möglichkeiten auslösen können. Es soll erst recht nicht geleugnet werden, dass die hier vertretene Sicht aus der Perspektive einer liberalen Tradition in einer freiheitlichen Demokratie gezeichnet ist. Dies ergibt sich vom Gedankengang her auch daraus, dass die Veränderungen am aufgeklärt-liberalen Verständnis von Individualität gemessen werden. Selbstverständlich sind andere Maßstäbe möglich. Aus der Sicht eines Teilnehmenden an der digitalen Welt, der in einem autoritär regierten Staat lebt, in dem die in der europäischen Aufklärung errungenen Freiheitsrechte dem Individuum nicht gewährt werden, mögen sich die Veränderungen anders darstellen. Insofern kann ein Beobachter 2. Ordnung nur feststellen, dass verschiedene Akteure unterschiedliche Bezugnahmen auf die Leitdifferenz »eigene Beobachtung«/ Fremdbeobachtung vornehmen. Eine u.U. wünschenswerte Bezugnahme auf die Differenz wahr/falsch ist nicht möglich.

Der Verlust der Kontrolle über die eigene Individualität ist vielleicht der tiefgreifendste mögliche Kontrollverlust überhaupt. Was bedeutet es anthropologisch und für das Verhältnis des Menschen zu Gott, wenn er sich nicht mehr als sich im Denken setzendes Subjekt erfährt, sondern als Summe von Kommunikationsprozessen und Daten, die mit einem für ihn nicht einsehbaren Gedächtnis mit ihm interagieren? Was bedeutet es, wenn sein Bild, das der Mensch im Spiegel schaut, sich eigenständig bewegt? Mit welcher Kulturform ist auf diesen Kontrollverlust zu reagieren?

3. Die Gesellschaft in der digitalen Welt

In der öffentlich-medialen Kommunikation wird in Deutschland die Bedrohung der liberalen Demokratie in der Regel von rechts, von Rechtspopulisten oder Rechtsextremen, befürchtet. Dem soll hier nicht widersprochen, aber eine zweite Perspektive an die Seite gestellt werden: Möglicherweise droht der liberalen Demokratie auch – und vielleicht gefährlicher, weil weniger im Blick – Gefahr durch die Funktionsweise der digitalen Welt. Dafür kann es verschiedene Gründe geben:

Wie oben beschrieben kann die Steigerung der Unruhe und der heiklen Ausbalancierung von Kontrollüberschuss und -verlust derart zunehmen, dass viele Menschen lieber ein autoritäres Regime akzeptieren, das diese Irritationen einhegt, als sich der Überforderung bis hin zum Kollaps des Einzelnen oder gar des Systems auszusetzen.

Ein anderer Grund kann darin liegen, dass das Individuum als Individuum nicht mehr gebraucht wird, sondern lediglich seine Daten zur ökonomischen und kontrollierenden Verwertung benötigt werden. Diese Überlegung hat Yuval Harari in seinem Buch »Homo Deus« ausführlich beschrieben. Bei ihm verbinden sich diese Überlegungen mit der Annahme, es werde zu zwei »Kasten« von Menschen kommen: Den einen, deren Daten lediglich als Rohstoff zur Wertschöpfung benötigt werden; und den anderen, die das System steuern, ihre eigenen Daten nicht preisgeben und die Herrschaft ausüben.

Ein dritter Grund schließt sich an unsere Überlegungen zur Veränderung von Individualität an: Wenn das Individuum Züge eines Dividuums annimmt, wird es schwer, gesellschaftlichen Zusammenhalt zu gestalten oder zu sichern. Die Idee der liberalen Demokratie beruht auf der Annahme, freie Subjekte, eben Individuen, könnten sich im Konsens auf Grundideen einer freiheitlichen, offenen und rechtsstaatlichen Gesellschaft einigen. Je zerrissener die Individuen sich fühlen und es u.U. in der Welt der digitalen Kommunikation auch sind, umso schwerer wird es sein, die für eine Demokratie erforderlichen Grundkonsense herzustellen.

An einem Beispiel seien die beschriebenen Funktionsweisen von Kommunikation und die Folgen für die Konsensfindung in der Gesellschaft ausgeführt:

Nach seiner Bestimmung zum Bundesinnenminister der neuen Großen Koalition im März 2018 wurde Horst Seehofer von Journalisten gefragt, ob seiner Meinung nach der Islam zu Deutschland gehöre. Seine Antwort: Der Islam gehöre nicht zu Deutschland. Daran schloss sich eine wochenlange mediale Nachrichtenproduktion an, die sich auf diese Nachricht und die auf sie reagierenden Äußerungen der Bundeskanzlerin und anderer politischer Akteure bezog. Dieser Verlauf von Kommunikation ist zunächst unabhängig von der Existenz digitaler Medien. Das Neue, das durch sie auftritt, besteht in der Geschwindigkeit und der Rekursivität: Binnen Stunden baut sich eine »Nachrichtenwelt« auf, die dann über längere Zeit am Leben gehalten wird durch die Beteiligung unzähliger Akteure in den Printmedien, in Rundfunk und Fernsehen, in den online-Diensten der Agenturen und in den Social-Media-Kanälen. Eine ganze Welt entsteht mit Kommentaren, Shitstorms, Blasen in Chatrooms und neuen Reaktionen aus der Politik. Ohne dass es irgendeine neue Nachricht und irgendeine Klärung der Ausgangsfrage gibt, hält sich dieses System selbst am Laufen und kann, selbst wenn es einige Zeit eingeschlafen schien, neu erwachen.

Gleichzeitig lässt sich an diesem Beispiel zeigen, dass ein Bezug auf die alte Leitdifferenz wahr/ falsch weder möglich noch zum Funktionieren des Systems notwendig ist. Die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört, ist so unscharf gestellt, dass sie weder wahr noch falsch sein kann. In einem System, das in der Tradition der Aufklärung an einem gemeinsamen Vernunftinteresse orientiert ist, müsste die Frage dekonstruiert und in Fragen überführt werden, die auf die Differenz von wahr/falsch bezogen werden können. Also etwa: Leben Muslime in Deutschland, und wenn ja, wie viele und seit wann? Gibt es Moscheen in Deutschland, in denen nach muslimischem Ritus gebetet wird? Diese Dekonstruktion geschah zwar, aber eher in medialen Nischen für anspruchsvolle Zielgruppen. In den zahllosen Talkshows zu diesem Thema konnte man vielmehr den Eindruck gewinnen, diese – in unserer Denktradition eigentlich naheliegende – Dekonstruktion werde bewusst vermieden. Sie würde nämlich das System in seiner autopoietischen Funktionsweise stören. Es könnte sein, dass eine Antwort gegeben würde, an die weitere Nachrichten anzuschließen, nicht mehr attraktiv erschiene. Vielmehr wurde mit der Leitdifferenz »eigene Beobachtung«/ Fremdbeobachtung gearbeitet, die sich in diesem Beispiel geradezu als Energiequelle des autopoietischen Systems »ohne Ziel und Ende« erwies.

Weiter zeigt dieses Beispiel, wie die in den digitalen Medien etablierten operativ geschlossenen Funktionsweisen eine gesellschaftliche Konsensfindung außerordentlich erschweren und auch nicht darauf ausgerichtet sind, eine solche herbeizuführen. Dauerunruhe und Dauerirritation sind vielmehr stabilisierende Faktoren des Systems. Die Individuen werden darin nicht als freie Subjekte gebraucht, die sich auf ein Vernunftinteresse beziehen, sondern lediglich als Datenlieferanten für das sich selbst reproduzierende System.

Das Thema Kontrollüberschuss/ Kontrollverlust, das derzeit bei nahezu allen Leitdiskursen der westlichen Gesellschaften bei Themen wie Globalisierung, Flüchtlinge, Integration, soziale Sicherheit, Heimat und Kultur eine Rolle spielt, könnte seinen Ursprung in der Funktionsweise der digitalen Welt haben. Das wird nicht zu beweisen sein, so wenig, wie die Vor- oder Nachordnung von Henne und Ei. Als Gedankenexperiment könnte es aber zum Verstehen unserer Welt beitragen, einmal anzunehmen, dass das mit der Digitalisierung gegebene Thema Kontrollüberschuss/ Kontrollverlust Referenzpunkt auch der anderen genannten Themen ist.

Es wird darum gehen müssen, dass Gesellschaften an Kulturformen zum Umgang mit diesen Formen von Irritation/Stabilisierung und Kontrollüberschuss/

Kontrollverlust arbeiten. Nach solchen Kulturformen sucht einer der schärfsten Kritiker des derzeitigen Umgangs mit Daten: Evgeny Morozov. Er glaubt nicht, dass der Markt alleine die Probleme lösen wird. Im Gegenteil, er verweist – auch im Zuge des Skandals um die von Facebook an Cambridge-Analytica weitergeleiteten Daten – auf die ökonomischen Ursachen der Datenweitergabe. Er skizziert mögliche Kulturformen, wenn er an die Politik appelliert, für den Zugang zu Daten Geld zu verlangen, statt dass mit dem Zugang zu Daten Geld verdient wird. Das Ziel solle aber nicht sein, dass jeder seine Daten als sein persönliches Eigentum betrachtet, sondern dass sie ein gemeinsames Eigentum sind, das nach politisch abgesicherten Regeln, zum gemeinsamen Nutzen verwendet wird.

4. Kirche in der Welt digitaler Kommunikation

Die Systemtheorie Niklas Luhmanns beschreibt die funktional ausdifferenzierte Gesellschaft. Die funktionale Ausdifferenzierung geschieht durch die Differenzierung der vormodernen Gesellschaft – in der Staat, Kirche und Religion untrennbar miteinander verbunden waren, ein Austritt aus der Kirche nicht möglich war – in Funktionssysteme wie Religion, Politik, Recht, Wissenschaft, Künste und Medien. Auch menschliche Bewusstseine gelten in diesem Verständnis als funktionale Systeme. Zwischen diesen einzelnen Systemen, die jeweils nach ihrer Eigenlogik funktionieren, gibt es »Koppelungen«. Einerseits sind die Eigenlogiken getrennt zu halten. So hat es keinen Sinn, auf die Frage nach der Definition von Eigentum (einer Frage aus dem System Recht) mit der Begeisterung über Mozarts Musik (aus dem System Künste) zu antworten. Andererseits leben die Menschen in der Gesellschaft in mehreren Systemen gleichzeitig und sind darauf angewiesen, dass Koppelungen beschrieben werden. So gibt es Rechtsvorschriften über das Eigentum an Kompositionen.

Was unter 1. beschrieben wurde, ist die Funktionsweise der digitalen Medien. Ihre Eigenlogik gilt zunächst nur für sie selbst, nicht für andere Systeme wie menschliche Bewusstseine, Wissenschaften, die Kirchen und nicht für die Gesellschaft insgesamt. Wie aber 2. und 3. gezeigt haben, gibt es Koppelungen zwischen den Funktionssystemen, mithin Auswirkungen der Funktionsweise der digitalen Medien auf die anderen Funktionssysteme.

Auch bei dem Zusammenhang zwischen der Kirche mit ihrer theologischen und organisatorischen Entwicklung und der digitalen Kommunikation handelt es sich um Koppelungen, die zu beschreiben und zu gestalten sind. Das heißt aber zunächst auch: Als Funktionssystem bleibt die Kirche die Kirche. Ihre Traditionen bleiben ihre Traditionen. Ihre Heiligen Schriften bleiben ihre Heiligen Schriften. Gott bleibt Gott. Jesus Christus bleibt Jesus Christus. Der Heilige Geist bleibt der Heilige Geist. Gefragt wird nach dem Einfluss der Koppelung mit dem System digitaler Kommunikation, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Angesichts mancher Digitalisierungs-Hypes wie auch Ängsten und kulturpessimistischen Warnungen ist es durchaus nützlich, diese schlichte Tatsache als Ausgangspunkt weiterer Überlegungen festzustellen.

Die Gedanken zum Individuum und zur Gesellschaft haben bereits gezeigt, wie tiefgreifend »Koppelungen« sich dennoch auf die Funktionssysteme auswirken. Sie können im Kern ihres Selbstverständnisses angefragt werden. Und sie können durch Prozesse, die bereits geschehen, ohne dass sie durch eine Entscheidung im System in Gang gesetzt wurden, selbst verändert werden. Die Kirchen beginnen, diese Veränderungsprozesse vor allem in drei Hinsichten wahrzunehmen und sich vorsichtig ihrer Analyse und Gestaltung zuzuwenden: Durch die bereits vorhandenen Netzgemeinden wird Kirchenmitgliedschaft in seinem bisherigen Verständnis angefragt. In den Netzgemeinden sind Kirchenmitglieder und Nichtmitglieder aktiv. Und die Kirchen sind gefragt, sich dazu ekklesiologisch zu verhalten. Die Kirchen der Reformation kennen die Unterscheidung zwischen sichtbarer und unsichtbarer Kirche, haben sie aber klassisch auf das eine »corpus christianum« bezogen, in dem es ausschließlich Kirchenmitglieder gab (weil ein »Kirchenaustritt« im System nicht nur nicht zulässig, sondern zunächst auch gar nicht denkbar war). Heute stellt sich die Frage, ob die unsichtbare Kirche auch außerhalb von Kirchenmitgliedern und sogar außerhalb der Schar der Getauften zu denken ist. Dies setzt voraus, ein Wirken des Heiligen Geistes auch ohne das leibhaftige Wort Gottes (gepredigt in der Kirche) anzunehmen oder das leibhaftige Wort Gottes auch außerhalb der Kirchenmauern zu suchen. Eine solche Theologie des Heiligen Geistes müsste geschichtshermeneutisch expliziert werden und müsste ihre Kontinuität und Diskontinuität zu den Bekenntnisschriften der Reformationszeit ausweisen.

Weiter: In den Netzgemeinden werden kirchliche Lehrinhalte und die konfessionellen Bindungen an Bedeutung verlieren. Denn auch hier machen sich über eine »Koppelung« die Funktionsweisen der digitalen Medien bemerkbar, nach denen Aussagen nicht mehr auf die Leitdifferenz wahr/falsch, sondern nur noch auf die Leitdifferenz »eigene Beobachtung«/ Fremdbeobachtung bezogen werden können. Die authentische Erfahrung und die medial vermittelte Kommunikation dieser Erfahrungen werden zur Grundlage des Geglaubten. Natürlich werden kirchlich gebundene Akteure in den Netzgemeinden auch in Zukunft Lehrtraditionen und konfessionelle Zeugnisse einbringen. Nach den Funktionsweisen der digitalen Medien können diese aber nicht mehr über die Bezugnahme auf die Leitdifferenz wahr/falsch in verbindliche Konsense überführt werden.

Damit ist die dritte Hinsicht angedeutet, die in den Kirchen bisher kaum ausdrücklich diskutiert wird: Wie gehen die Kirchen mit der Leitdifferenz Kontrollüberschuss/ Kontrollverlust um – und sind sie überhaupt bereit, sich dieser Herausforderung zu stellen und nach Kulturformen zu suchen, die diesen »Überschusssinn« der Computergesellschaft bewältigen könnten? Nachdem die Kirchen – hier sind in erster Linie die Landeskirchen und ihre gliedkirchlichen Zusammenschlüsse in Deutschland gemeint – zunächst zögerlich mit der Nutzung der Digitalisierung für ihre eigene Arbeit umgegangen sind, sehen sie sich teils unter äußerem Druck, teils unter Druck von innen, der vor allem aus der jüngeren Generation der »Digital Natives« kommt, zu einem nachdrücklichen und beherzten Digitalisierungsschub veranlasst.

Die Konsequenzen sind aber erst ansatzweise diskutiert, geschweige denn theologisch bearbeitet oder in Richtung auf kirchenpolitische Konsense verarbeitet. Dabei ist das Thema des Mitgliedschaftsrechts noch am ehesten zu suspendieren. Denn hier sind flexible zusätzliche Mitgliedschaftsformen denkbar, ohne das herkömmliche Recht in Frage zu stellen; zumindest einstweilen.

Weniger zu suspendieren sind die Fragen der Ekklesiologie. Ob Netzgemeinden als »echte« Gemeinden Jesu Christi anzusehen, ob rein virtuelle Abendmahlsfeiern oder eine im Netz vollzogene Taufe geistlich-theologisch als »echte« Sakramentsvollzüge anzusehen sind, muss beantwortet werden. Das reformatorische Sakramentsverständnis, wonach zu einem Sakrament Wort und Element gehören, wird für die Bedingungen der digitalen Welt zu reformulieren sein. Da heute in vielen Diskursen die Unterscheidung von »virtuell« und »real« als obsolet angenommen wird, wird man nicht an einem Elementenverständnis festhalten können, das dieses auf die »reale« Welt festzuschreiben versucht. Stattdessen wird jener Aspekt des reformatorischen Sakramentsverständnisses stark zu machen sein, der – mit Luthers Kleinem Katechismus – weiß: »Wasser tut’s freilich nicht, sondern das Wort Gottes, das mit und bei dem Wasser ist, und der Glaube, der solchem Worte Gottes im Wasser traut.«

Dringlich werden wird die Frage nach Kontrollüberschuss/ Kontrollverlust. Bislang wird sie vornehmlich verhandelt an Fragen der Öffentlichkeitsarbeit: Wer spricht für die Kirche und wie kann das Sprechen der verschiedenen Akteure koordiniert werden, wenn heute in den social media binnen Sekunden zu einem Ereignis Positionen bezogen werden, die früher in einem zeitaufwendigen partizipativen Verfahren erarbeitet und abgestimmt worden wären? Die Verfahren im Umgang mit der »Ehe für alle« oder dem § 219a StGB machen deutlich, dass die digitale Kommunikation die (sozialethische) Meinungsbildung enorm beschleunigt und der Kontrolle bzw. Mitgestaltung durch kirchliche Instanzen nahezu entzieht. Wollte man eine kirchliche Kammer mit der Erarbeitung einer Position beauftragen und deren Position in ein breites partizipatives Verfahren zur ethischen Konsensbildung unter den Kirchenmitgliedern geben, so erhielte man vielleicht drei bis fünf Jahre später ein Ergebnis. Die Gesetzesänderung im Bundestag geschieht aber u.U. binnen Wochenfrist. Die Kirchen werden neue Verfahren entwickeln müssen, die diesen Gegebenheiten Rechnung tragen. Gerade bei der ethischen Urteilsbildung wird sich der Kontrollüberschuss der digitalen Welt auswirken, die sich mit einem von außen nicht einsehbaren Gedächtnis, das kein menschliches Bewusstsein ist, am Gespräch beteiligt. Es werden neue Entscheidungsstrukturen etabliert werden, die einerseits zentral gesteuert sind, um schnell reagieren zu können; die andererseits die partizipativen Möglichkeiten der Netzkommunikation nutzen, um möglichst viele Akteure zu beteiligen.

So steht auch am Ende dieses Gedankengangs die Einsicht, dass es – im Verständnis der Systemtheorie – die Entwicklung neuer Kulturformen braucht, die den »Überschusssinn« der neuen medialen Verbreitungstechnik bewältigen.

5. Christlicher Glaube in der Welt digitaler Kommunikation

Dem Thema solcher neuen Kulturformen widmet sich dieses letzte Kapitel. Zunächst ist ein Epochenschema zu beschreiben, auf das bereits mehrfach Bezug genommen wurde. Es orientiert sich am technischen Verbreitungsmedium von Kommunikation: Sprache, Schrift, Buchdruck und Computer. Die Annahme lautet, dass mit dem jeweiligen neuen Verbreitungsmedium ein »Überschusssinn« in die Gesellschaft kommt, der zunächst als »Katastrophe« empfunden wird, weil er mit den bis dahin bekannten Kulturformen nicht zu bewältigen ist. So stellt sich jeder Epoche die Aufgabe, neue Kulturformen zu entwickeln, die den »Überschusssinn«, der mit der neuen Verbreitungstechnik in die Welt gekommen ist, zu bewältigen vermögen.

Die Sprache hat als »Überschusssinn« die Möglichkeit in die Welt gebracht, Wahres und Falsches zu behaupten. Die Möglichkeit aber, Wahres für falsch und Falsches für wahr zu halten, kann nicht ins Belieben einzelner Kommunikationen gestellt werden, »sondern muss sachlich, sozial und zeitlich kontrolliert werden«32 . Die Kulturform der Stammesgesellschaft, mit der sie den Überschusssinn gestaltet, ist die Grenze, die das Geheimnis ordnet. Das Geheimnis wird von Häuptlingen und Schamanen gehütet. Es werden Grenzen gesetzt, indem Regeln aufgestellt werden, wer mit wem worüber reden, wer was aussprechen oder nicht aussprechen und wer dieses oder etwas anderes für wahr und falsch erklären darf. Die Form der Religion ist in dieser Epoche die Magie. Der Schamane ist derjenige, der in diese Magie eingeweiht ist und sie zum Umgang mit dem Geheimnis verwenden darf. Die Schrift hat als »Überschusssinn« die Möglichkeit in die Welt gebracht, von Zeit und Ort unabhängig zu kommunizieren. Das gesetzgebende Wort gilt auch ohne Anwesenheit des Herrschers und, solange man sich nicht auf die Geltung eines anderen verständigt, auch über seinen Tod und damit über die zeitliche Präsenz einer Person hinaus. Die Kulturform der Schriftgesellschaft ist der Zweck bzw. griechisch das »Telos«. Die Fülle des Gedankenmaterials, das nun unabhängig von örtlicher und zeitlicher Präsenz von Personen zur Verfügung steht, wird geordnet und gerichtet, indem Zwecke bestimmt werden. Über diese Zwecke entscheiden statt Häuptlinge und Schamanen Politiker und Philosophen. Es entstehen die Wissenschaften und eine ausdifferenzierte »Polis«. Es ist dies die Epoche der Schrift und des »sola scriptura«. Die Institution ist die gesellschaftliche Form, die überschüssigen Kräfte der Schrift, ihren Symbolüberschuss zu bändigen. Letztlich entscheiden Institutionen darüber, was gelehrt und geglaubt werden darf. Die Form der Religion ist in dieser Epoche die nach Zwecken hierarchische geordnete, auf einer Schrift gründende Institution.

Der Buchdruck hat als »Überschusssinn« die Möglichkeit in die Welt gebracht, Schriftliches zeitgleich überall zur Verfügung zu haben und damit vergleichen zu können. Mit dem Vergleichen wird Kritik möglich. Der Kritiküberschuss wird gebändigt durch die Kulturform des unruhigen Gleichgewichts. Dieses Gleichgewicht kann nur hergestellt werden, indem der Kritiküberschuss mit dem Individuum verknüpft wird, das seiner eigenen Vernunft vertraut und in Freiheit mit ihr umgeht. Diese Entdeckung hat Descartes zusammengefasst in seinem »Cogito ergo sum«, »Ich denke, also bin ich«. In der Kulturform des unruhigen Gleichgewichts müssen Vernunft und Freiheit fortlaufend vom Individuum ausbalanciert werden, weil die Institutionen nicht mehr als unhinterfragbare Autoritäten anerkannt werden. Diese individualisierte Vielfalt führt zu einer Verflüssigung der Institution; sie entwickelt sich zur Organisation. Das Individuum tritt als religiöses Subjekt hervor, aber die Kirche hält daran fest, auf der Schrift gegründete Institution zu sein und zeitunabhängige Dogmen zu vertreten. Die Form der Religion ist in dieser Epoche der Glaube als individuelle Haltung.

Der »Überschusssinn« des Computers besteht in der Möglichkeit, dass er sich »auf sein eigenes, von außen nicht einsehbares Gedächtnis beruft, während er sich an einer Kommunikation beteiligt, die es bis dato nur und ebenso gedächtnisgestützt mit den Bewusstseinssystemen von Menschen zu tun hatte«. Dabei ist der Unterschied dieses Gedächtnisses zu dem mit dem Buchdruck gegebenen, dass es sich nun selber an der Kommunikation beteiligt, mithin interaktiv ist. Mit seinem Gedächtnis produziert der Computer einen Kontrollüberschuss. Dies ist der »Überschusssinn«, der mit der Digitalisierung in die Welt gekommen ist, und auf den – als Antwort – eine neue Kulturform entwickelt werden muss. Das Thema der digitalisierten Welt ist Kontrolle, und zwar von zwei Seiten: Dem Kontrollüberschuss korrespondiert auf der anderen Seite ein Kontrollverlust.

Nach Dirk Baecker kann die Kulturform der digitalisierten Welt mit der Figur der »Form der Form« auf den Begriff gebracht werden, die der Mathematiker George Spencer-Brown entwickelt hat. Dieser Begriff meint, dass es Form nicht mehr als Gestalt, sondern nur noch abstrakt als einzelne Linie gibt, sich mithin dem subjektiven Erleben keine Form mehr anbietet, die das Handeln strukturiert. Das heißt, dass man bei jeder Handlung immer nur die momentane Anschlussfähigkeit zu einer anderen Handlung jenseits einer Linie suchen kann, ohne zu wissen, ob diese Handlung richtig oder falsch ist und ob die Handlung, zu der man den Anschluss sucht, im nächsten Augenblick so noch besteht.

Auch wenn der Begriff der »Form der Form« abstrakt ist, lässt sich die Brücke zur konkreten Erfahrung ohne Weiteres schlagen. Es gehört heute zur Alltagserfahrung, immer nur die momentane Anschlussfähigkeit einer Handlung an eine andere suchen zu können und angesichts der Geschwindigkeit der rekursiven Dynamiken, die die Wahrnehmungsfähigkeit des menschlichen Gehirns unterläuft und so die Linearität von Zeit aufzuheben scheint, kaum noch verlässliche Handlungsformen zu haben. In einer »instantanen« Welt zu leben, in der die Reaktionen auf mein Handeln schon da sind, noch bevor ich einen Handlungsvorgang abgeschlossen habe, lässt traditionelle Handlungsformen unsicher werden oder sich auflösen.

Der digitalisierten Welt ist der Mensch unvermeidbar eingegliedert, wodurch eine Art neues Existenzial entsteht: Die Konnektivität. Bekannt war bisher die Kollektivität. Sie bot offene Möglichkeiten, sich zu ihr zu verhalten. Dem Kollektiv kann man sich zuwenden oder ihm den Rücken zuwenden. Auch wenn das Abwenden seinen sozialen Preis hat, ist es möglich. Konnektivität dagegen ist unvermeidlich. Wenn beispielsweise der öffentliche Raum mit Kameras mit Gesichtserkennung ausgestattet ist oder der Zahlungsverkehr nur noch elektronisch vollzogen wird, gibt es keine Möglichkeit, sich dieser Konnektivität zu entziehen, es sei denn um den Preis zu verhungern oder sich als Einsiedler in eines der letzten verbliebenen Waldstücke zurückzuziehen.

Die neuen Kulturformen müssen folglich genau diese Herausforderungen bewältigen: Die Instantaneität, die die Linearität von Zeit fraglich erscheinen lässt. Die Konnektivität, die dem Menschen als neues Existenzial eignet. Die Verschiebung der Leitdifferenz von wahr/falsch zu »eigene Beobachtung«/Fremdbeobachtung. Den Kontrollüberschuss/Kontrollverlust, der vom Computer als interaktivem Akteur mit eigenem, von außen nicht einsehbarem Gedächtnis produziert wird.

Als Fährte, auf der neue Kulturformen zu suchen sind, benutze ich die kognitive und emotionale Distanz. Denn in solcher Distanz ist die einzige Möglichkeit zu sehen, zu den beschriebenen Phänomenen einen Standpunkt außerhalb ihrer operativ geschlossenen Funktionsweise einzunehmen. Der Freiheitsbegriff der Buchdruckgesellschaft ist dafür nicht geeignet, weil die digitale Welt dem Einzelnen als Erfüllung des Freiheitsversprechens der Moderne erscheint, während sie ihn gleichzeitig zum Rädchen im Getriebe ihrer Funktionsweise macht.

Christlicher Glaube in der Welt digitaler Kommunikation verankert menschliche Existenz in einer »alternativen Konnektivität«, in der allem weltlichen Geschehen vorauslaufenden Gnade Gottes, die in der Taufe von Seiten Gottes unverbrüchlich erklärt und an seinem Tisch gefeiert wird. Von Gottes Schöpfermacht gehalten und von seiner Gnade getragen zu sein, gibt der menschlichen Existenz einen Bezugspunkt außerhalb des operativ geschlossenen Systems der digitalen Welt. Von dort aus kann der Mensch denken, fühlen und handeln. Es ist dies seine Geistesgegenwart – »Geist« sowohl verstanden als menschliches Bewusstsein wie auch als Teilhabe an Gottes Geist. Es ist ein komplexes mentales Geschehen, das nicht durch Algorithmen herstellbar und deshalb nicht durch intelligenzbasierte autonome Systeme ersetzbar ist. Mit seiner Geistesgegenwart kann der Mensch kognitive und emotionale Distanz zu der Welt gewinnen, die als einzigen Bezugspunkt ihrer eigenen Funktionsweise die Systemreferenz »eigene Beobachtung«/ Fremdbeobachtung kennt. Als Systemreferenz der »alternativen Konnektivität« kann »mit menschlichen Augen«/»mit den Augen Gottes« angesehen werden. Dabei muss jederzeit reflektiert werden, dass die Referenzseite »mit den Augen Gottes« an hermeneutische Voraussetzungen und Entscheidungen bei der Auslegung der Heiligen Schrift und der Bekenntnisse und deren gegenwartssensibler Anwendung gebunden ist, die ihrerseits einem operativ geschlossenen Funktionssystem angehören. Darüber hinaus kann nicht gedacht werden, weil der Mensch aus den ihm gegebenen Erkenntnisbedingungen nicht heraustreten kann. Der Horizont der Erkenntnisbedingungen der »alternativen Konnektivität« ist Vertrauen. Ohne Vertrauen in den Geist Gottes als menschliches Existenzial anzunehmen, kann es christlichen Glauben in dem hier gemeinten Sinne als Geistesgegenwart nicht geben.

Genau dies ist mit »re-ligio«, der »Rückbindung« an etwas Unbedingtes, gemeint. Mit dieser Rückbindung und auf der Grundlage alternativer Konnektivität sind die Herausforderungen an die Individualität und die offene Gesellschaft anzugehen. Damit ist nicht gemeint, den Veränderungen mit christlich begründeten Werten gegenübertreten oder diese – im Modus der Emphase oder der Mahnung – in den Diskurs einzubringen. Wiewohl dagegen überhaupt nichts gesagt sein soll. Aber von unserem Ansatz aus ergibt sich ein systemischer Blick auf das Handeln des Menschen: Die Gründung in einer alternativen Konnektivität macht es möglich, mit den Herausforderungen der digitalen Welt »umzugehen«, sie zu gestalten. Die inhaltliche Füllung dieser Gestaltung ist nicht durch die schon bekannten Werte vorgegeben, wenngleich ein Rahmen gesteckt ist. Die alternative Konnektivität als Ausgangspunkt des Handelns macht es möglich, Distanzen zu gewinnen, Resilienzen zu entwickeln, Zerrissenheiten auszuhalten, die Welt zu gestalten – und darin doch menschlich zu bleiben und die Gnade, auf der der christliche Glaube gründet, im gesellschaftlichen Leben zur Geltung zu bringen.

Unter den Bedingungen der digitalen Welt verändert sich die Rolle von kirchlicher Lehre und konfessioneller Tradition. Dabei ist die Veränderung für diejenige Tradition nicht vollkommen neu, die seit Aufkommen der Aufklärung Kommunikation auf ein gemeinsames Vernunftinteresse und nicht mehr auf als supranatural angenommene Wahrheiten gegründet hat. Die Veränderung besteht aber darin, dass an die Stelle des gemeinsamen Vernunftinteresses, wie es die Buchdruckgesellschaft vorausgesetzt hat, nun die »Form der Form« tritt. Das heißt: Im Interagieren der Akteure im Netz (und in Netzgemeinden) entsteht eine Art transzendentaler Instantaneität, in der die Beteiligten ihre auf die Referenz »mit meinen Augen«/»mit den Augen Gottes« bezogenen Positionen austauschen, die sich durch rekursive Irritationen und Stabilisierungen laufend verändern. Die Form der Religion in der digitalisierten Welt ist die Offenheit für den Heiligen Geist. Das hohe Potential an Verunsicherung, das darin steckt, ist deutlich. Wenn aber das Funktionssystem Kirche – das als solches bestehen bleibt – es mit Koppelungen an Funktionssysteme der digitalen Welt zu tun bekommt, bleiben nur zwei Möglichkeiten: Entweder diese Koppelungen als unzulässig auszugrenzen und die im Netz geschehende Kommunikation als nicht zur Kirche gehörig anzusehen. Welche Verluste dies mit sich bringen würde und wie unangemessen dies gegenüber den Akteuren in den Netzgemeinden wäre (nicht zuletzt vom Auftrag her, das Evangelium aller Welt zu verkündigen!), ist leicht zu sehen. Oder diese Koppelungen werden zugelassen und durch Kulturformen bewältigt. Dann bleibt keine andere Möglichkeit, als Instantaneität transzendental zu deuten, das Wirken des Heiligen Geistes in ihr anzunehmen und zu suchen. Eine solche am Heiligen Geist orientierte Kirche wird – wie oben angedeutet – die Verhältnisbestimmung von Geist und leibhaftigem Wort Gottes neu auszurichten haben.

Es ist leicht vorstellbar und an manchen binnenkirchlichen Diskursen derzeit auch zu beobachten, wie herausfordernd und verunsichernd diese Veränderungen für eine Kirche des Wortes sind. Sie ist für die Annahme dieser Herausforderung angewiesen auf das ihr vorauslaufende Handeln Gottes und das Vertrauen auf seinen Geist. Sie ist angewiesen auf die alternative Konnektivität, in der sie unverbrüchlich mit dem leibhaftigen Wort Gottes, mit Christus, verbunden ist. Yuval Harari pointiert salopp: »Heute bedeutet Macht zu wissen, was man ignorieren kann.« Auf den christlichen Glauben übertragen, ließe sich formulieren: Christlicher Glaube bedeutet, zu wissen, wozu man kognitiv und emotional auf Distanz gehen kann – und aus dem Vertrauen zu leben, die Kraft dazu geschenkt zu bekommen. Gerade der christliche Glaube bringt für eine solche »Kunst der Torheit« von seinen theologischen Wurzeln her beste Voraussetzungen mit: Nämlich das Vertrauen, dass die Torheit des Kreuzes Weisheit ist (1 Kor 1). Der Mensch kann sich im christlichen Glauben beherzt auf die digitale Welt einlassen und sich einmischen, weil ihm die alternative Konnektivität die Chance gibt, in ihr nicht auf- und nicht unterzugehen. Insofern ist er frei, ein freier Christenmensch.

Abstract

Where, in the era of digital communication, the primary functional differentiation true versus false is increasingly being replaced with my personal point of view versus someone else’s point of view, this significantly impacts the relationship between the individual and society, since the individual loses an important criterion for self-differentiation in the larger social context and society loses its basis for determining the nature of social cohesion. The primary functional differentiation my personal point of view versus someone else’s point of view does not require consensus. The Christian faith, as a re-ligio, ›connects back‹ to the Unconditional; it confronts digital connectivity with an alternative connectivity, grounded in God’s faithfulness. Thus grounded, a person can gain emotional and cognitive perspective on digitally communicated information, can give shape to the world through spirit-oriented presence of heart and mind – something that cannot be replaced by an algorithm.

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Theologie in der digitalen Welt. Ein Versuch.

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Glaube vernetzt